Ob die Mustersiedlung von 1934, die nach dem 2. Weltkrieg entstandene „Ami-Siedlung” Ramersdorf-Süd oder die ab 1907 erbauten Wohnanlagen am Loehleplatz: Kaum ein Münchner Stadtviertel weist so eine vielfältige Struktur auf wie Ramersdorf. Mehrere Wohnsiedlungen aus unterschiedlichen Jahrzehnten erstrecken sich um den alten Ortskern mit der Wallfahrtskirche Maria Ramersdorf. Ein Stück weiter nordöstlich liegt eine Siedlung, die kürzlich 100 Jahre alt geworden ist: die Heimstättensiedlung.
Das Zentrum der Heimstättensiedlung ist die Wemdinger Straße, ein hufeisenförmiger Straßenzug, an dem sich Einfamilienhäuser mit größeren und kleineren Gärten sowie Doppelhäuser mit Mansardendächern aufreihen. Hier sei der Charakter der ursprünglichen Siedlung noch „erfreulich sichtbar”, informiert die Schutzgemeinschaft Ramersdorf, ein Verein, der sich nach eigenen Angaben für den „Bestand von Häusern und Gärten, aber auch für ansprechende Neubauten” im Stadtteil einsetzt. „Die Heimstättensiedlung zeigt einen eigenen Siedlungscharakter, wie er in dieser Geschlossenheit im Münchner Osten sonst kaum auffindbar ist”, schreibt die Schutzgemeinschaft.
2025 haben die Vereinsmitglieder das 100-jährige Bestehen der Siedlung gefeiert. Auch die zweite Auflage eines Buches mit dem Titel „Die Heimstättensiedlung einst und heute“ ist zu diesem Jubiläum erschienen. Als die Heimstättensiedlung ab 1925 erbaut wurde, war es das Ziel, vorrangig Wohnraum, durch die Gärten aber auch eine Existenzgrundlage vor allem für Heimkehrer aus dem Ersten Weltkrieg und ihre Familien zu schaffen. Das „Reichsheimstättengesetz“ war 1920 in der Weimarer Republik beschlossen worden und diente landesweit der Förderung von Wohneigentum. Auch in Ramersdorf griff man dabei auf das sogenannte Gartenstadt-Konzept zurück: kleinteilige, lockere Bebauungen, begrünte Vorgärten, grüne private Freiräume hinter den Häusern.
Erfunden worden waren die Gartenstädte als soziales Projekt und Alternative zu den üblichen Mietskasernen Ende des 19. Jahrhunderts in England. Schnell verbreitete sich die Idee auch auf deutschem Boden. In München weisen heute rund 20 Prozent des Stadtgebiets Gartenstadtcharakter auf, heißt es auf der Homepage der Stadt. Prominente Beispiele findet man zum Beispiel in Harlaching (Geiselgasteig), Trudering (Waldtrudering) und Sendling (Holzapfelkreuth). Die Gartenstädte sind über die Jahrzehnte gewachsen und haben so das Münchner Stadtbild mitgeprägt.
Jedoch, auch das schreibt die Stadt auf ihrer Homepage, verändern sich viele Gartenstädte zusehends. So mancher Erbe in zweiter oder dritter Generation möchte sein Grundstück veräußern oder selbst sein Baurecht ausschöpfen. So entsteht auf den für heutige Münchner Verhältnisse großen Grundstücken anstelle des früheren Einfamilienhauses ein Mehrfamilienhaus oder ein weiteres Haus im rückwärtigen Garten. Auch Vorgärten werden wegen des nun höheren Bedarfs an Stellplätzen versiegelt. 2015 hat der Stadtrat einen umfassenden Maßnahmenkatalog auf den Weg gebracht, um die bauliche Entwicklung zu steuern. Es ist ein schwieriger Spagat: Einerseits möchte man die Gartenstädte schützen, andererseits angemessene Entwicklungen ermöglichen - denn Wohnraum ist nun mal knapp.
2018 sei die Heimstättensiedlung in die erwähnte Rahmenplanung der Stadt aufgerückt, erläutert die Schutzgemeinschaft Ramersdorf. Dabei habe das Planungsreferat die Siedlung als „vergleichsweise sehr homogen“ beschrieben - und dem Verein folgendes schriftlich versichert: Die bestehenden Baulinien und Baugrenzen seien ausreichend zum Schutz der gegenwärtigen baulichen Struktur des Quartiers. Diese Baulinien und -grenzen gelte es künftig zu stärken.
Einen entscheidenden Unterschied gibt es jedoch zu Vierteln wie der Mustersiedlung Ramersdorf oder den Wohnanlagen am Loehleplatz: Die Heimstättensiedlung steht nicht unter Ensembleschutz - ein Instrument der Denkmalpflege, das nicht einzelne Bauwerke, sondern eine Gruppe von Gebäuden an Plätzen und Straßenzügen schützt. Einen Versuch, die Heimstättensiedlung als Ensemble von der Unteren Denkmalschutzbehörde eintragen zu lassen, hat die Schutzgemeinschaft bereits vor zehn Jahren unternommen, scheiterte aber: Die Siedlung sei damals schon zu „disparat”, also ungleichartig gewesen. Auch eine Erhaltungssatzung wollte die Stadt hier nicht anwenden: Diese beziehen sich auf die soziale Struktur von Wohngebieten, nicht auf deren äußeres Erscheinungsbild.
Gänzlich verhindern, dass sich die Gartenstadt rund um die Wemdinger Straße verändert, kann die Stadt also nicht. So existieren aktuell Pläne eines Bauherren, auf einem Doppelgrundstück ein 18-Parteien-Appartementhaus mit einer Tiefgarage im hinteren Garten zu errichten. Die Schutzgemeinschaft Ramersdorf lehnt die vorliegenden Neubaupläne ab - sie entsprächen in „keiner Weise den Maßgaben und Empfehlungen der Rahmenplanung für die Heimstättensiedlung”.
„Wir nehmen an, dass die von den Bauherren angegebene Zielzahl von 18 Appartements allein Verhandlungsmasse ist”, teilt die Schutzgemeinschaft mit, „und gehen davon aus, dass die Lokalbaukommission diese Pläne nicht unterstützen wird. Besonders schade finden wir es, dass die Familie der Erben das alte Wohnhaus einer Ramersdorferin sowie die Tradition und Nachbarschaft dieses besonderen Quartiers mit Füßen tritt.” Der Wohnzweck, auch wie in diesem Fall für Angestellte in der Gastronomie, könne nicht alle Mittel rechtfertigen, ergänzt der Verein in seiner Mitteilung.