Der Grundstein ist gelegt, die Orleanshöfe können jetzt wachsen und gedeihen. Das Neubauviertel direkt am Ostbahnhof entsteht in zwei Entwicklungsabschnitten - und an einem markanten historischen Ort.
Insgesamt rund 500 Wohnungen, Büros, Räumlichkeiten für Gewerbe, Einzelhandel und Gastronomie sowie eine Kita - all das sollen die Orleanshöfe, für die der Münchner Stadtrat Ende 2025 Baurecht geschaffen hat, bieten. Das neue Quartier entsteht zwischen den Bahngleisen und der Orleansstraße. Wenn es fertig ist, wird es auch das Franzosenviertel zu den Gleisen hin abschirmen. Gegenüber zweigt die Elsässer Straße ab. Da verwundert es nicht, dass das verantwortliche Münchner Immobilienunternehmen GVG genau für den 14. Juli - also den französischen Nationalfeiertag - zur Grundsteinlegung eingeladen hatte. Passend dazu erklangen beim Festakt neben bayerischen Liedern auch Chansons wie „Sous le ciel de Paris”.
Ob die Orleanshöfe einmal wie die Champs-Élysées zum Flanieren einladen werden, bleibt abzuwarten. Sicher ist, dass das Neubauprojekt dringend benötigten Wohnraum schafft, über den sich auch der Vorsitzende des Bezirksausschusses Au-Haidhausen (BA 5), Jörg Spengler, freut: „Es ist eine tolle Sache für Haidhausen, dass hier 500 Wohnungen entstehen.” Au-Haidhausen weise die zweithöchste Bevölkerungsdichte aller Münchner Stadtbezirke auf, ergänzt Spengler: „Es gibt hier nur wenige freie Flächen für Neubauten. Diese sollte man also gut nutzen.” Bei den Orleanshöfen ist dies der Fall: Zum einen soll der Verkehr weitgehend unterirdisch durch das neue Viertel geführt werden. Zum anderen sollen neben den Innenhöfen auch grüne Dachflächen zum „Stadtgarten” werden. „Die Orleanshöfe verbinden nachhaltige Architektur mit gesellschaftlicher Verantwortung und schaffen ein urbanes, gemischt genutztes Umfeld mit hoher Aufenthaltsqualität”, erklärt Stadtbaurätin Elisabeth Merk.
Eine weitere Besonderheit des fast vier Hektar großen neuen Viertels ist seine äußerst zentrale Lage: Der Ostbahnhof liegt quasi vor der Haustür - und bietet Anschluss an Bus, Tram, U-Bahn, S-Bahn sowie zum Fernverkehr. Der Fuß- und Radweg entlang der Orleansstraße wird ausgebaut. Eine neue Ampelanlage an der Ecke Orleansstraße/Elsässer Straße soll eine sichere Querung gewährleisten. Mit den Orleanshöfen wird der Bezirk Au-Haidhausen, mit rund 64.000 Einwohnern fast so groß wie Rosenheim oder Kempten, weiter wachsen.
Nachdem nun der Grundstein - nach altem Brauch gefüllt mit Münzen, einer Tageszeitung, einem Meterstab sowie Bauzeichnungen und der Baugenehmigung - gelegt worden ist, laufen die Arbeiten in der zehn Meter tiefen riesigen Baugrube auf Hochtouren. Doch bis das Viertel komplett fertig ist, werden Jahre vergehen: Wegen des Baus der zweiten S-Bahn-Stammstrecke und des dafür zu errichtenden neuen Tiefbahnhofs am Ostbahnhof entstehen die Orleanshöfe in zwei Entwicklungsabschnitten. Bis Ende 2028 soll zunächst ein Gebäude mit Einzelhandel und Gastronomie im Erdgeschoss sowie Büros in den oberen Etagen hochgezogen werden. Als weiterer Baustein des ersten Entwicklungsabschnitts folgen über 250 Wohneinheiten, ein Drittel davon sozial gefördert. Dazu kommt eine Kindertagesstätte. Der zweite Entwicklungsabschnitt wird sich mit weiteren Wohnungen und Büros in Richtung Haidenauplatz anschließen.
Weichen muss für das neue Viertel der 450 Meter lange Metallzaun, der bisher zwischen dem Grundstück und der Orleansstraße verlief. Der Zaun ist von historischer Bedeutung, da genau an dieser Stelle eines der bekanntesten Fotos der NS-Widerstandsgruppe Weiße Rose entstanden ist. Die Aufnahme von Jürgen Wittenstein aus dem Juli 1942 zeigt eine fröhlich wirkende Sophie Scholl, die ihren Bruder Hans und dessen Kommilitonen Alexander Schmorell und Willi Graf zum Sanitätsdienst an der russischen Ostfront verabschiedet – vor dem besagten Zaun an der Orleansstraße.
Um das Gedenken an die von den Nazis hingerichteten Mitglieder der Weiße Rose aufrechtzuerhalten, wird in den Orleanshöfen ein zentraler Erinnerungsort mit einem Teil des Zauns entstehen. BA-Chef Spengler, von Beruf Geschichtslehrer, bezeichnet dies als ein „Herzensprojekt”. Die GVG, der Bezirksausschuss und die Weiße-Rose-Stiftung werden weitere Stücke des Zauns kostenlos an interessierte Bildungseinrichtungen verteilen, um damit die Geschichte der Widerstandsgruppe ein Stück sichtbar zu machen. Über 100 Schulen, Universitäten und weitere Einrichtungen in ganz Deutschland und darüber hinaus haben sich dafür beworben.