Zu Beginn des 20. Jahrhunderts formierte sich in München ein Kreis von Künstlern mit einer Vision. Sie wollten die Kunst erneuern und die Gesellschaft verändern. Sie lebten alle in München, kamen aber aus unterschiedlichen Ländern – zum Beispiel aus dem Deutschen Kaiserreich, aus Frankreich, dem Russischen Reich oder den USA. Sie schufen eine neue Bildsprache für eine sich wandelnde Welt. Kulturelle Unterschiede sahen sie als Bereicherung und Anregung für ihre Werke. Viele von ihnen führten ein unkonventionelles Leben, stellten Geschlechterrollen in Frage und suchten nach neuen Formen der Darstellung jenseits der bürgerlichen Norm. In den Jahren 1911 bis 1912 führten diese Künstler zwei Ausstellungen mit dem Titel „Der Blaue Reiter” durch. Auch ein Buch nannten sie so. Darin ging es unter anderem um die Idee der abstrakten Kunst, die damals neu war. Wenn man heute vom „Blauen Reiter” spricht, meint man vor allem auch die Gruppe selbst. Sie war einer der bedeutendsten Zusammenschlüsse von Künstlern der europäischen Avantgarde zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
Das Lenbachhaus, ein städtisches Kunstmuseum in der Luisenstraße 33, beherbergt die weltweit größte Sammlung der Kunst des Blauen Reiters. Dies ist in erster Linie der Malerin und Lebensgefährtin Wassily Kandinskys, Gabriele Münter, zu verdanken, die 1957 anlässlich ihres 80. Geburtstags dem Museum über 1.000 Werke des Blauen Reiters schenkte. Da die Sammlung viel umfangreicher ist als alles, was gleichzeitig ausgestellt werden kann, präsentiert das Lenbachhaus alle zwei Jahre eine neue Auswahl – jeweils unter einem neuen Aspekt und teils mit Neuwerbungen. Immer mit dabei ist eines der berühmtesten Werke, das blaue Pferd von Franz Marc und verschiedene Gemälde von Wassily Kandinsky. In diesem Jahr wird wieder eine dieser Ausstellungen gezeigt. Sie beginnt am 10. März, trägt den Titel „Über die Welt hinaus. Der Blaue Reiter” und ist bis zum 5. September, zu sehen.
In ihrem Mittelpunkt stehen das Neue an der Künstlerbewegung des Blauen Reiters und ihre wegweisenden Errungenschaften. Dazu gehören Franz Marcs symbolische Farbtheorie, die seinen Bildern, zum Beispiel dem berühmten blauen Pferd, zugrunde liegt, ebenso wie Wassily Kandinskys abstrakte Malerei oder die Bühnenauftritte von Alexander Sacharoff, die sich zwischen Tanz und Kunst bewegen. Besonderes Augenmerk gilt den Künstlerinnen, die – für ihre Zeit außergewöhnlich – eine zentrale Rolle in der Bewegung spielten. Neben Gabriele Münters expressiver Malerei sind ausdrucksstarke Selbstporträts von Elisabeth Epstein, die dramatischen Gemälde der Kosmopolitin Marianne von Werefkin und Maria Franck-Marcs hintergründige Stillleben und fantasievolle Kinderwelten zu sehen.
Außerdem zeigt die neue Ausstellung bedeutende Neuzugänge zur Sammlung des Lenbachhauses: Großformatige abstrakte Bilder von Wilhelm Morgner oder sozialkritische Werke von Emmy Klinker und Albert Bloch sind erstmals zu sehen. Mit über 150 Arbeiten eröffnet „Über die Welt hinaus” neue Einblicke in eine der wichtigsten Kunstbewegungen ihrer Zeit. Sie zeigt, dass vieles, was die Künstlergruppe damals bewegte, auch heute noch aktuell ist – etwa die Themen Freiheit, Gleichberechtigung und die Suche nach neuen künstlerischen Möglichkeiten. Denn der Blauen Reiter verstand Kunst als Botschaft und nicht als eine Frage schöner Formen. So beschreibt die Dichterin und Zeichnerin Else Lasker-Schüler, eine Bekannte von Franz Marc, 1911 in einem Gedicht die Suche nach einem weiteren Horizont mit den Worten: „Über die Welt hinaus.”
Das Lenbachhaus ist dienstags bis sonntags und feiertags von 10 bis 18 Uhr und donnerstags von 10 bis 20 Uhr geöffnet.
Bis zum Sonntag, 8. März, gelten wegen des Umbaus der Präsentation „Der Blaue Reiter” reduzierte Eintrittspreise: Man zahlt bis dahin regulär 8 Euro und ermäßigt 5 Euro.
Die Ausstellung „Über die Welt hinaus” beginnt am Dienstag, 10. März, und ist bis zum Samstag, 5. September, zu sehen. Dann kostet der Eintritt regulär 10 und ermäßigt 6 Euro.
Im Preis inbegriffen ist immer auch die Nutzung eines Audioguides. Jeden ersten Donnerstag im Monat kann man das Museum von 18 bis 22 Uhr bei freiem Eintritt besuchen. Unter der Adresse lenbachhaus.de/ finden sich viele weitere Informationen.