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Zwischen Genuss und Verzicht: Was das Fest über unsere Gesellschaft aussagt

Weihnachten im Wandel: Münchner Experte im Interview

Weihnachtsforscher Rainer Wehse	Foto: Privat

Weihnachtsforscher Rainer Wehse Foto: Privat

München · Weihnachten – für die einen der Höhepunkt des Jahres und ein Grund zur Freude, für andere gleichgesetzt mit einem Maximum an Stress. Weihnachten, das ist auch ein Fest, an dem sich zeigt, wie sich die Gesellschaft verändert.

Der Münchner Brauchtumsforscher Rainer Wehse erforscht diesen Wandel. Im SamstagsBlatt-Interview spricht der Experte von der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität über aktuelle Tendenzen wie den Wandel der inhaltlichen Bedeutung von Weihnachten und die Veränderung von Familienstrukturen.

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Münchner SamstagsBlatt: Durchschnittlich 288 Euro geben die Deutschen dieses Jahr für Weihnachtsgeschenke aus, in manchen Familien sogar rund 480 Euro. Die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) stellte fest: Weihnachtsgeschenke werden immer teurer. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?

Rainer Wehse: Bei Festen wie Weihnachten neigen wir zu Übersteigerungen. Wir Volkskundler fassen dieses Phänomen unter dem Begriff Hypertrophie zusammen. In einer Gesellschaft, in der genügend Zeit und Geld vorhanden ist, ist es nicht überraschend, wenn derart über die Stränge geschlagen wird. Und das betrifft ja nicht nur die Geschenke. Auf Weihnachtsmärkten tummeln sich immer mehr Menschen. Auch die überbordende Dekoration von Häusern, Festbeleuchtung und blinkende Hirsche im Garten gehören zu dieser Lust an der Übertreibung.

Andererseits gibt es die, die mit diesem ganzen Rummel rund um Weihnachten nichts zu tun haben wollen. Wie kommt das?

Rainer Wehse: Noch ist die Gruppe derer, die ich Weihnachts-Flüchtlinge nenne, eine Minderheit. Umfragen haben ergeben, dass zwischen fünf und zehn Prozent tatsächlich Reißaus über die Feiertage nehmen. In der Regel handelt es sich um Alleinstehende ohne großen Familienanschluss. Oder auch um solche, die bewusst etwas anderes ausprobieren wollen. Heute experimentieren die Menschen viel mehr als früher, weil sie nicht mehr so verwurzelt sind. Oft geht es dann per Flugzeug in südlichere Gefilde. Und dann gibt es diejenigen, die zwar da bleiben, sich aber dem Konsumrausch verweigern.

Ist das ein modernes Phänomen?

Rainer Wehse: Der Wunsch vieler Menschen, bei Festen eher zurückhaltend sein zu wollen und sich auf die eigentliche Bedeutung zu besinnen, ist im Grunde nichts Neues. Schon seit Jahrhunderten gibt es das Dilemma, einerseits enthaltsam sein und andererseits genießen zu wollen. Wo Bräuche waren, wurde nun mal stets getafelt, gegessen und getrunken. Das konsumkritische Denken allerdings ist eine neuzeitliche Entwicklung. Entscheidend ist die ideologische Triebfeder. Wer gegen den Kapitalismus ist, muss automatisch auch etwas gegen die Dinge haben, die dort produziert werden.

Auch ist alle Jahre wieder zu hören, dass der eigentliche Sinn von Weihnachten verloren geht, wenn einzig die Geschenke eine Rolle spielen. Wird berechtigt Alarm geschlagen?

Rainer Wehse: Das beschäftigt natürlich vor allem christlich Gläubige. Wobei in Bayern der Bezug zum Glauben weiterhin noch stark ist im Vergleich zu anderen Bundesländern. Ich selbst sehe es nicht so negativ, wenn man Weihnachten als ein schönes Geschenkefest feiert. Solange es im Rahmen bleibt. Zumal von vielen Bräuchen weiterhin eine Faszination ausgeht. Selbst wer nichts mit dem Glauben am Hut hat, der hat dennoch eine Freude an den vielen zeitlosen Ritualen: das Glöckchen, das die Bescherung einläutet, der beleuchtete Weihnachtsbaum, das üppige Festtagsessen.

Gerade jungen Leuten ist das oft zuviel Weihnachtsidylle...

Rainer Wehse: Traut unter dem Tannenbaum zusammensitzen und »O du Fröhliche« singen, das reicht gerade der jüngeren Generation meistens nicht. Partylaune macht sich breit. Es gibt den allgemeinen Trend, dass das Weihnachtsfest den familiären Rahmen verlässt und sich zunehmend nach außen verlagert. Gerade bei der Altersgruppe 16 bis 30 Jahre. Sie treffen sich nach der Bescherung mit Freunden, gehen in Kneipen und Diskotheken, um dort auf ihre Weise weiter zu feiern. Das hat bereits vor zwanzig Jahren begonnen, doch immens zugenommen. Und führt regelmäßig zu Konflikten. Die Älteren nehmen es den Jüngeren übel, wenn die das Weite suchen. In den Köpfen ist immer noch drin: Das Weihnachtsfest gehört der Familie.

Konflikte scheinen vielerorts ohnehin zu Weihnachten dazuzugehören. Warum ist das so?

Rainer Wehse: Ich habe das auch mal bei meinen Studenten abgeklopft, und fast alle sagten, dass es am Heiligen Abend irgendwann einen Moment gab, wo die Fetzen flogen. Man sollte einem Streit aber nicht zu viel Bedeutung beimessen. Sicher, es gibt Familien, da schwelen Konflikte im Untergrund. Meist aber kommt es zu einer Auseinandersetzung, weil sich der ganze Druck und Stress, der während der Vorweihnachtstage herrschte, entlädt. Und wenn der sich entladen hat, dann ist auch wieder gut. Es muss erlaubt sein, dass mal die Nerven blank liegen. Nach einem heftigen Wortwechsel liegt man sich dann wieder in den Armen.

Von Sylvie-Sophie Schindler

Advent und Weihnachten: Die schönste Zeit des Jahres oder nur Rummel und Stress? Sagen Sie uns Ihre Meinung unter www.samstagsblatt.de
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Artikel vom 19.12.2013
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