Wanderausstellung „Die Opfer der „Aktion T4 aus Bayern“ im kbo-Klinikum Haar

Für die Ausstellung ausgewählt worden sind die Schicksale von 14 Menschen, die von den Nationalsozialisten im Rahmen der „Aktion T4” ermordet wurden. (Foto: bas)
Für die Ausstellung ausgewählt worden sind die Schicksale von 14 Menschen, die von den Nationalsozialisten im Rahmen der „Aktion T4” ermordet wurden. (Foto: bas)
Für die Ausstellung ausgewählt worden sind die Schicksale von 14 Menschen, die von den Nationalsozialisten im Rahmen der „Aktion T4” ermordet wurden. (Foto: bas)
Für die Ausstellung ausgewählt worden sind die Schicksale von 14 Menschen, die von den Nationalsozialisten im Rahmen der „Aktion T4” ermordet wurden. (Foto: bas)
Für die Ausstellung ausgewählt worden sind die Schicksale von 14 Menschen, die von den Nationalsozialisten im Rahmen der „Aktion T4” ermordet wurden. (Foto: bas)

Sie wurden stigmatisiert, verfolgt und schließlich ermordet: Über 7.600 Menschen aus bayerischen Heil- und Pflegeanstalten fielen im Nationalsozialismus der „Aktion T4” zum Opfer. An die Schicksale der Getöteten erinnert eine Wanderausstellung, die seit kurzem im kbo-Klinikum Haar zu sehen ist.

Es waren Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen und psychischen Krankheiten, deren Leben in der NS-Zeit unter anderen von Ärzten und Pflegepersonal als „lebensunwert” eingestuft wurde. „Ihnen wurde das Menschsein abgesprochen”, erklärt Peter Brieger, der das kbo-Isar-Amper-Klinikum in Haar als Ärztlicher Direktor leitet. Die Patienten wurden nicht einmal mehr beim Namen genannt, sondern wurden zu Nummern in Akten. Und schließlich wurden sie 1940 und 1941 in den Tötungsanstalten der Nazis ermordet, in Grafeneck (bei Reutlingen/Baden-Württemberg), Pirna-Sonnenstein (bei Dresden/Sachsen) und Hartheim (bei Linz/Oberösterreich). Hinter der bürokratischen Bezeichnung „Aktion T4” - benannt nach der damaligen Zentraldienststelle in der Tiergartenstraße 4 in Berlin - verbirgt sich unvorstellbares Leid, das diese Menschen erfahren haben.

Zum ersten Mal in Oberbayern

In Grafeneck, Pirna-Sonnenstein und Hartheim gibt es heute jeweils eine Gedenkstätte mit dahinter stehenden Stiftungen oder Vereinen, die gemeinsam die Wanderausstellung „Die Opfer der Aktion T4 aus Bayern” konzipiert haben. Die bezirklichen Gesundheitsunternehmen in Bayern unterstützten das Projekt finanziell, Wissenschaftler aus dem Arbeitskreis zur Erforschung der nationalsozialistischen „Euthanasie“ und Zwangssterilisation sowie Mitarbeitende der Bezirksheimatpflege und der einzelnen Bezirksarchive halfen fachlich. Die Ausstellung war zuletzt Ende 2025 im Kloster Irsee, einem Tagungs- und Bildungszentrum bei Kaufbeuren, zu sehen. Nun macht sie zum ersten Mal Station in Oberbayern - an einem historisch stark belasteten Ort: Rund 4.000 Menschen wurden während der NS-Diktatur aus der damaligen Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar deportiert und dann in den Tötungsanstalten ermordet. An sie erinnert seit einem Jahr eine „Bibliothek der Namen“ auf dem Gelände des Klinikums. Laut Brieger sind zusätzliche Gedenkstelen geplant.

Die Wanderausstellung informiert detailliert über die „Aktion T4” und ihre Hintergründe, soll aber vor allem die getöteten Menschen selbst in den Fokus rücken. „Es waren keine anonymen Schicksale”, meint Oberbayerns Bezirkstagspräsident Thomas Schwarzenberger: „Hinter jedem Toten steckt ein Name und eine Familie.” Allerdings sei nach dem Zweiten Weltkrieg lange nicht über das Grauen gesprochen worden, ergänzt Schwarzenberger. Viele Angehörige wurden über das Schicksal ihrer Familienmitglieder im Unklaren gelassen. Manche suchen noch heute nach Antworten. „Unsere Aufgabe und unsere Verpflichtung ist es, an die Opfer und deren Namen zu erinnern. Erinnerung ist kein rückwärtsgewandter Akt, sondern ein Beitrag zu Verantwortung und Wachsamkeit in der Gegenwart“, betont Schwarzenberger.

14 Menschen, 14 Geschichten

Für die Ausstellung ausgewählt worden sind die Schicksale von 14 Menschen, pro bayerischem Regierungsbezirk je ein Mann und eine Frau. Die Tafeln zeigen Fotos und liefern biografische Fakten, auch über Krankheit und Umstände des Todes. Zu den Opfern gehörte Karolina Steidle, die 1894 in München geboren wurde und als Schneiderin arbeitete. Ab Juli 1934 war sie wegen Schizophrenie in der Heil- und Pflegeanstalt Haar interniert. Am 25. Januar 1941 erhielten ihre in Milbertshofen lebenden Eltern eine Nachricht, dass Karolina „in eine unbekannte Anstalt” verlegt worden war. Fünf Tage später erfuhren die Eltern, dass ihre Tochter sich in der Landesanstalt Hartheim befand. Von Besuchen dort „sei Abstand zu nehmen”. Am 9. Februar 1941 wurde der Familie mitgeteilt, dass Karolina Steidle verstorben sei. Die Todesanzeige für sie durfte erst nach Tilgung der Ortsangabe „Hartheim bei Linz” in den „Münchner Neuesten Nachrichten” erscheinen - die Leser sollten keine Häufung von Sterbefällen an diesem Ort feststellen.

Ermordet mit 19 Jahren

Josef Prechtl wurde 1922 in München geboren und wuchs in Schwabing auf. Als er fünf Jahre alt war, wurde für „Bepperl”, wie ihn seine Familie nannte, die Diagnose „Idiotie” vermerkt. Der Bub kam in die Assoziations-Anstalt Schönbrunn bei Dachau, wo sich heute mit dem Franziskuswerk eine der größten Einrichtungen für Menschen mit geistiger Behinderung in Bayern befindet. Die Eltern kamen für die Unterbringung des Sohnes auf und besuchten ihn regelmäßig in Schönbrunn. Im Rahmen der „Aktion T4” wurde „Bepperl”, der eine geistige Behinderung hatte, als „arbeitsunfähig” eingestuft - sein Todesurteil. Im März 1941 wurde Josef Prechtl von Schönbrunn nach Eglfing-Haar gebracht und einen Monat später nach Hartheim verlegt, wo er im Alter von 19 Jahren ermordet wurde.

Die Ausstellung im Verwaltungsgebäude des kbo-Klinikums (Vockestraße 72) ist öffentlich zugänglich und kann bis Freitag, 13. März, werktags von 7 bis 18 Uhr besichtigt werden. Auf Anfrage bietet das Klinikum auch kostenlose Führungen an. Interessierte melden sich hierfür per Mail an henner.luettecke@kbo.de.

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