Bezüge zur Kolonialzeit: Straßen in Zamdorf mit „erhöhtem Diskussionsbedarf“

Zwei fragwürdige Straßennamen: Während Hans Dominik blutige Massaker im heutigen Kamerun durchführen ließ, organisierte Joachim Nettelbeck den Sklavenhandel von Westafrika nach Amerika. (Foto: bas)
Zwei fragwürdige Straßennamen: Während Hans Dominik blutige Massaker im heutigen Kamerun durchführen ließ, organisierte Joachim Nettelbeck den Sklavenhandel von Westafrika nach Amerika. (Foto: bas)
Zwei fragwürdige Straßennamen: Während Hans Dominik blutige Massaker im heutigen Kamerun durchführen ließ, organisierte Joachim Nettelbeck den Sklavenhandel von Westafrika nach Amerika. (Foto: bas)
Zwei fragwürdige Straßennamen: Während Hans Dominik blutige Massaker im heutigen Kamerun durchführen ließ, organisierte Joachim Nettelbeck den Sklavenhandel von Westafrika nach Amerika. (Foto: bas)
Zwei fragwürdige Straßennamen: Während Hans Dominik blutige Massaker im heutigen Kamerun durchführen ließ, organisierte Joachim Nettelbeck den Sklavenhandel von Westafrika nach Amerika. (Foto: bas)

Zamdorf ist ein beschauliches Viertel, doch so manche Straßennamen sind bei genauerem Hinsehen ganz und gar nicht beschaulich: Sie erinnern an Personen, die für den grausamen Tod von Menschen in den früheren deutschen Kolonien in Afrika verantwortlich waren. Umstritten sind die Straßennamen zwar seit Jahren, verschwunden aber noch nicht.

Kolonialsiedlung oder auch Afrikasiedlung nennen die Bogenhauser das kleine Viertel, das nördlich der A94 liegt und an den Zamilapark angrenzt. Diese Bezeichnungen gehen zurück auf die Straßennamen zurück, denn als die Siedlung ab 1934 - also bereits in der NS-Zeit - entstand, wollte die Stadt hier verdiente deutsche „Kolonialpioniere” würdigen: Männer, die sich bei der Kolonialisierung in Afrika einen Namen gemacht hatten. Allein der Begriff „Kolonialisierung” sollte Assoziationen wie Unterdrückung und Gewalt auslösen - naheliegend also, dass die Namensgeber aus heutiger Sicht keine Menschenfreunde waren.

Blutige Massaker in den Kolonien

In der Tat waren viele sogenannte „Verdienste” in Wirklichkeit brutale Verbrechen. Die nach einem beliebten Vornamen klingende Dominikstraße ist nach Premierleutnant Hans Dominik benannt worden. 1892 bis 1910 war er Leiter von sogenannten „Säuberungs- und Strafaktionen“ in der damaligen deutschen Kolonie Kamerun. Hinter diesem Euphemismus verbergen sich blutige Massaker gegen die Einheimischen: Aufständische gegen die Kolonialisten wurden teils grausam gefoltert, bevor man sie lebendig in den Abgrund stieß. Schwangeren Frauen wurde der Leib aufgeschlitzt, Männer wurden zerstückelt.

Die benachbarte Wißmannstraße gedenkt Hermann von Wißmann: Er war Ende des 19. Jahrhunderts Befehlshaber einer Söldnerarmee in Deutsch-Ostafrika, die einen Widerstand gegen die Kolonialmacht blutig niederschlug. Unter anderem leitete von Wißmann eine Strafexpedition gegen einen Häuptling, der es gewagt hatte, die deutsche Flagge vom Mast zu reißen. Die Expedition kostete 200 Einheimischen das Leben. Der Namenspate der Lüderitzstraße, Franz Adolf Eduard Lüderitz, war ein Kaufmann, der 1883 ein Gebiet im heutigen Namibia durch Täuschung und Ausnutzung sprachlicher Missverständnisse erwarb. Sein Vorgehen gilt als Beispiel kolonialer Landaneignung ohne legitime Zustimmung - und legte den Grundstein für die Kolonie Deutsch-Südwestafrika, in der später schwere Verbrechen an den Herero und Nama begangen wurden, die heute als Völkermord eingestuft werden.

Petition läuft seit sechs Jahren

Zwar weisen unterhalb der Straßenschilder kleine Tafeln unter dem Titel „Kolonialgeschichte offenlegen” auf die problematische Historie hin. Doch erstens sind die kleinen Schilder zum Teil beklebt, beschmiert oder verbogen. Zweitens erklären sie nicht, warum überhaupt (noch) Straßen an Kolonialverbrecher erinnern. Kritik an den Namen gibt es immer wieder: 2017 brachte der Arbeitskreis Panafrikanismus in der Dominikstraße ein symbolisches Schild „Miriam-Makeba-Straße“ an: Die südafrikanische Sängerin Miriam Makeba setzte sich für die Abschaffung der Apartheid ein. Im Frühjahr 2020 startete Hamado Dipama, Mitglied des Migrationsbeirats der Stadt München, eine Petition, um Straßen mit kolonialem Bezug umzubenennen. „Mit oder ohne Erläuterungstafeln verdient kein Massenmörder einen Straßennamen”, schreibt Dipama im Text zu der Petition, die unter chng.it/rRVLVzXRbV abrufbar ist und über 2800 Unterstützer gefunden hat.

Seit dem Jahr 2000 sind in München insgesamt sechs Straßen wegen einer schwerwiegenden Belastung des Namensgebers umbenannt worden. Auch in Zamdorf gibt es ein Beispiel: Die frühere Karl-Peters-Straße heißt seit 2000 Ida-Pfeiffer-Straße - und würdigt damit statt den Begründer der Kolonie Deutsch-Ostafrika eine Reiseschriftstellerin des 19. Jahrhunderts. Die Hererostraße in Waldtrudering hieß bis 2006 Von-Trotha-Straße. Generalleutnant Lothar von Trotha gilt als Verantwortlicher für den Völkermord an den Herero und Nama 1904 bis 1908 - erstaunlich genug, dass dieser Straßenname überhaupt bis ins 21. Jahrhundert Bestand hatte.

49 Straßen sind „diskussionswürdig”

2016 beauftragte der Münchner Stadtrat das Stadtarchiv mit einer grundlegenden Überprüfung des Katalogs der Straßennamen. Fünf Jahre dauerte die fachhistorische Evaluation. Die Ergebnisse besagen, dass 327 Straßennamen in München einen „Kontextualisierungsbedarf“ aufweisen. Sie könnten also kommentiert und erläutert werden. Bei 45 Straßennamen wurde 2021 sogar ein „erhöhter Diskussionsbedarf“ festgestellt. Inzwischen gibt es bereits 49 Einträge.

Neben prominenten Namensgebern wie Ludwig Thoma oder Richard Wagner, die heute wegen ihrer antisemitischen Gesinnung umstritten sind, stehen auf der Liste gleich fünf Namen aus der Kolonialsiedlung in Zamdorf: Dominikstraße, Leutweinstraße, Lüderitzstraße, Nettelbeckstraße und Wißmannstraße. Es ist also anzunehmen, dass die Namen irgendwann von den Schildern verschwinden, wenngleich dies mit einigem behördlichem Aufwand verbunden wäre. Und auch neue, unbelastete Namen müssen ja erst einmal gefunden werden...

north