München hat Potenzial

Ehrgeiziges Ziel bei CO2-Einsparungen im Wärmesektor

Auf dem Gelände des Heizkraftwerks Süd in Sendling wollen die SWM Erdwärme gewinnen. Seit April bohren sie rund 3.000 Meter in die Tiefe. Foto: cr

Auf dem Gelände des Heizkraftwerks Süd in Sendling wollen die SWM Erdwärme gewinnen. Seit April bohren sie rund 3.000 Meter in die Tiefe. Foto: cr

München · Der Klimawandel ist real. Die Ursachen dafür sind umstritten, aber weitestgehend akzeptiert ist die Annahme, der Mensch habe mit dem immensen Ausstoß von Kohlendioxid (CO2) dazu beigetragen - und tut dies immer noch. Die logische Konsequenz? Der CO2-Ausstoß muss verringert werden.

Eine Studie der Forschungsgesellschaft für Energiewirtschaft (FfE) zeigt jetzt auf, welche Maßnahmen die größten CO2-Einsparungen erzielen können. Die Stadtwerke München (SWM) haben diese Studie in Auftrag gegeben. Die Ergebnisse haben Dr.-Ing. Serafin von Roon (FfE) und Dr. Florian Bieberbach (SWM) vorgestellt.

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Autoabgase, Industrieemissionen, daran denken viele als Erstes, wenn von CO2-Ausstoß die Rede ist - und vergessen die Wärmeenergie in den privaten Haushalten und den Gewerbe- und Industriegebäuden der Stadt. "Die Wärme ist die schwierigste Nuss", bekennt Bieberbach, Vorsitzender der SWM Geschäftsführung.

Im Jahr 2014 habe der wärmebedingte CO2-Ausstoß von Gebäuden in München rund 2,8 Millionen Tonnen betragen. Rund 80 Prozent davon werden durch das Beheizen von Wohnhäusern verursacht. Die FfE-Studie zeigt nun auf, wie München bis zum Jahr 2050 weitgehend klimaneutral werden kann. Ein Beitrag dazu soll die Fernwärmevision der SWM sein, an deren Verwirklichung bereits gearbeitet wird. Bis 2040 soll die komplette Fernwärmeerzeugung für München klimaneutral - also ohne CO2-Emissionen - erfolgen. Es gibt bereits Konzepte, wie die SWM 80 Prozent des Fernwärmebedarfs bis 2040 klimaneutral erzeugen können.

Bis 2040 sollen die Emissionen um 70 Prozent verringert werden

Dabei spielt die Geothermie eine große Rolle. München ist in dieser Hinsicht geologisch begünstigt, sitzt auf einem Energiedepot, das nach menschlichen Maßstäben unerschöpflich ist. In Riem, Sauerlach und Freiham stehen Geothermieanlagen, die bereits jetzt das Fernwärmesystem beliefern. Es wäre genug Energie für alle da, doch ist nicht jedes Haus in München ans Fernwärmenetz angeschlossen und das werde aus wirtschaftlichen Gründen auch nie der Fall sein, kündigt Bieberbach an. Um also die CO2-Emissionen zu reduzieren, müssten weitere Maßnahmen getroffen werden.

Von Roon stellte drei Szenarien vor, in denen die Kombination verschiedener Maßnahmen zum Zielwert für 2040 führen sollen. Bei diesem Zielwert handelt es sich um eine Reduzierung der CO2-Emissionen um 70 Prozent im Vergleich zu 2014. Zwei der drei entworfenen Szenarien können das Ziel nicht erreichen. Das dritte Szenario sieht einen Ausbau der Fernwärme vor, auch in Gebieten, in denen keine Fernwärme gewonnen wird.

"Fernwärme aus Geothermie ist mit Abstand die effektivste Maßnahme", erklärt von Roon. Ein weiterer "entscheidender Hebel" sei die Sanierung von Bestandsgebäuden sowie die Umstellung von Öl auf Gas, die Effzienzsteigerung durch Kesseltausch und Wärmepumpen.

In ihrer Studie spricht die FfE Handlungsempfehlungen aus, zu denen die SWM ihre Bereitschaft zur Umsetzung erklärte wie eben der Ausbau der Fernwärme. Doch der gute Wille allein wird nicht ausreichen. Das Problem: Ob Großkonzern oder Immobilienbesitzer, sie alle sind an gesetzliche Vorgaben gebunden. Vorgaben, die Maßnahmen der sogenannten "Wärmewende" zum Teil erheblich erschweren und unattraktiv machen. Bieberbach geht mit den Gesetzgebern hart ins Gericht.

So würde der Einsatz von Strom im Wärmesektor gegenüber den fossilen Energieträgern immer noch benachteiligt. Auch das Mietrecht weise "technische Fehler" auf. So könne ein Immobilienbesitzer beim Austausch einer Heizung mit fossilen Brennstoffen die Kosten auf die Mieter umlegen, was bei einem Energieträgerwechsel nicht möglich sei. Ganz klar, wie ein wirtschaftlich denkender Vermieter damit umgeht. Bieberbach meint: "Das setzt einen völlig falschen Anreiz."

Die dringend notwendigen energetischen Sanierungen führen in der Konsequenz zu Mieterhöhungen und damit allgemein zu Mietpreissteigerungen. Für Normalverdiener wird Wohnraum in München - wenn er denn vorhanden ist - immer schwerer bezahlbar.

Die Sanierungen im Bestand müssten mehr gefördert werden anstatt die Standards im Neubau zu verschärfen, denn im Bestand sei das CO2-Einsparpotenzial erheblich größer. Letztlich gehe es um die Zielsetzung der Emissionsverringerung bis 2040 und 2050.

Im Sinne der Energiewende plädiert die SWM Geschäftsführung dafür, Energieträger entsprechend ihrer CO2-Emissionen mit einer Umlage auf Basis des jeweiligen Energieverbrauchs zu belegen.

Viele Maßnahmen setzen einen entsprechenden politischen Willen voraus. "Das Klimaschutzziel der Landeshauptstadt ist bezogen auf die gegebenen Möglichkeiten im Wärmesektor extrem anspruchsvoll", resümiert Serafin von Roon. "Es sind erhebliche Anstrengungen und vor allem zusätzliche politische und finanzielle Unterstützung erforderlich, um das angestrebte Ziel zu erreichen." Von Carsten Clever-Rott

Artikel vom 02.11.2018
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