Simone Fleischmann ist Päsidentin des BLLV (Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband e.V.) und findet, dass man mit dem Start ins Erwerbsleben nicht schon seine komplette Berufslaufbahn vorhersehen können muss.
Schulen unterstützen junge Leute bei der Berufswahl mit unterschiedlichen Projekten und Angeboten. Welche haben sich besonders bewährt und werden gut angenommen?
Simone Fleischmann: Je ganzheitlicher eine Schule ihren Bildungsauftrag versteht, desto besser kann sie junge Menschen dabei unterstützen, herauszufinden, wer sie sind, was sie können und wohin sie wollen. Mit Blick auf die Berufswahl ist es immer gewinnbringend, wenn Schülerinnen und Schüler verschiedene Berufe kennenlernen. Das kann über Praktika passieren, Ausbildungs- und Berufsmessen, Kooperationen mit Ausbildungsstätten oder indem ehemalige Schülerinnen und Schüler in die Schule kommen und berichten: Was mache ich heute eigentlich? Wie bin ich dort hingekommen? Und wie sieht mein Arbeitsalltag aus?
In meiner Rolle als Jurymitglied des Deutschen Schulpreis konnte ich zahlreiche Schulen kennenlernen, die den Jugendlichen hervorragende Angebote zur beruflichen Orientierung bieten. Das Regionale Berufliche Bildungszentrum Müritz, das 2022 den Deutschen Schulpreis gewonnen hat, ist ein wunderbares Beispiel hierfür. Dort werden die Schülerinnen und Schüler sehr konsequent auf die Arbeitswelt vorbereitet. Fachpraktischer Unterricht hat dort einen hohen Stellenwert. Es gibt SimLabs, also Simulationslabore wie z. B. eine Holzwerkstatt oder eine Lehrküchel, in denen arbeiten die Jugendlichen sehr praxisnah lernen können. Gleichzeitig öffnet sich diese Schule ganz stark in die Region, sodass die jungen Menschen sehr konkrete Optionen aufgezeigt bekommen.
Welchen Rat geben Sie jungen Leuten, die unschlüssig bei der Berufswahl sind? Und wann sollte man seine Entscheidung getroffen haben?
Simone Fleischmann: Die erste Berufswahl ist heute nicht zwangsläufig die Entscheidung für die nächsten 30 oder 40 Jahre. Dafür verändert sich unsere Arbeitswelt viel zu schnell. Schauen wir uns allein die Entwicklungen rund um künstliche Intelligenz an: Da entstehen neue Tätigkeiten und Berufe verändern sich, andere verschwinden hingegen. Das heißt natürlich nicht, dass es völlig egal ist, welchen Weg ich zuerst einschlage. Aber es heißt: Ich muss mit dem Start ins Erwerbsleben nicht meine komplette Berufslaufbahn vorhersehen können. Das kann eine Entlastung sein und die Situation entspannen.
Wenn ich noch nicht weiß, ob es Beruf A, B oder C werden soll, würde ich zunächst gar nicht so sehr auf einzelne Berufe schauen. Ich würde mich fragen: Was kann ich eigentlich richtig gut? Bin ich jemand, der gerne analytisch denkt oder bin eher ich jemand der lieber praktisch arbeitet? Und dann kommt die nächste Frage: Wie lerne ich eigentlich gut? Ist es ein (duales) Studium oder doch lieber eine Ausbildung? Und schließlich: Welche Rahmenbedingungen brauche ich, um mich bei der Arbeit wohlzufühlen und mein Bestes geben zu können?
Wenn junge Menschen anfangen, sich solche Fragen zu stellen, kommen sie der richtigen Entscheidung oft sehr schnell näher.
Wie kam Ihre eigene Berufsentscheidung zustande?
Simone Fleischmann: Für mich persönlich stand schon immer fest, dass ich einen sinnstiftenden Beruf ausüben wollte. Mir war es wichtig, dass ich die Gesellschaft im positiven Sinne mitgestalten und verändern kann. Klar war für mich auch, dass ich unbedingt mit Menschen zusammenarbeiten möchte, also auch das Zwischenmenschliche, was der Lehrberuf so mitbringt, hatte bei meiner Berufswahl hohe Priorität.
Ich hatte das Glück, dass mir schon sehr früh klar war, dass ich unbedingt Lehrerin werden möchte. Das liegt natürlich auch daran, dass mein Vater ebenfalls Lehrer war und ich da einfach sehr viel mitbekommen habe. Also dieser Beruf war mir familienbedingt auch schon näher als andere Berufe. Im Laufe der Zeit habe ich mir dann alle Schularten angeschaut und gemerkt, dass es die Volksschule ist und von da an war es klar für mich: Ich möchte Volksschullehrerin werden!
Und bis heute bin ich absolut zufrieden mit der Entscheidung und sage, bei aller Kritik an den Rahmenbedingungen, immer wieder: „Für mich ist es der schönste Beruf der Welt!“
Gehen Mädchen und Jungen unterschiedlich mit der Berufsfindung um? Gibt es da unterschiedliche Ansätze oder Strategien?
Simone Fleischmann: Wir sehen leider auch heute noch, dass die Berufswahl von klassischen Rollenbildern geprägt ist. Mädchen interessieren sich häufiger für soziale, gesundheitliche oder kaufmännische Berufe, Jungen eher für technische oder handwerkliche.
Und genau deshalb müssen wir jungen Menschen die Chance geben, auch in Berufsfelder hineinzuschauen, die sie vielleicht nicht als Erstes auf dem Zettel hätten. Angebote wie der Girls’ Day und der Boys’ Day können dabei viel bewirken. Denn manchmal braucht es nur diesen einen Einblick, damit Jungen und Mädchen auch auf andere Berufe einlassen können. Am Ende zählt schließlich, was zu einem Menschen passt unabhängig von irgendwelchen gesellschaftlichen Erwartungen.
Welche Rückmeldungen geben Lehrerinnen und Lehrer: Vor welchen Problemen sehen sich junge Leute selbst am häufigsten bei der Berufswahl?
Simone Fleischmann: Viele Jugendliche machen sich sehr viele Gedanken über ihre Zukunft und nehmen diese Entscheidung ernst. Das ist erst einmal etwas Gutes. Gleichzeitig erleben Lehrkräfte aber natürlich auch die Verunsicherung. Gerade wenn der Schulabschluss näher rückt, kommen plötzlich ganz große Fragen: Was mache ich danach? Finde ich überhaupt etwas, das zu mir passt? Habe ich die richtigen Voraussetzungen?
Zudem leben in Zeiten der Polykrise, in der sich die Arbeitswelt verändert und in der niemand genau sagen kann, welche Auswirkungen etwa künstliche Intelligenz in zehn oder zwanzig Jahren haben wird. Die Aufgabe von Schule kann deshalb nicht sein, jungen Menschen vorzuspielen, wir hätten auf all diese Fragen fertige Antworten. Und da sind wir wieder bei dem breiten Bildungsbegriff vom Anfang. Wenn Schule junge Menschen resilient, selbstbewusst und handlungsfähig macht, dann haben wir sehr viel erreicht. Denn am Ende brauchen wir junge Menschen, die nicht mit Angst auf ihre Zukunft schauen, sondern sagen: Da kommt einiges auf mich zu, aber ich weiß damit umzugehen.