„Nie wieder” ist ein fester Bestandteil der deutschen Erinnerungskultur bezogen auf die Gräuel des Nationalsozialismus. „Nie wieder” lautet auch das Credo der „Initiative Erinnerungstag im Deutschen Fußball”. Rund um den 27. Januar, den internationalen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, koordinieren Vereine und Fanszenen in den Stadien der Profiligen vielfältige Aktionen. Gerade in Zeiten, in denen rechtspopulistische Parteien erstarken, gilt es, zu erinnern, zu gedenken und zu mahnen.
Millionen von Menschen sind in der NS-Zeit von 1933 bis 1945 entrechtet, verfolgt und ermordet worden. Bei der „Initiative Erinnerungstag im Deutschen Fußball” liegt ein besonderer Fokus auf den Mitgliedern der Fußballfamilie, die aus Vereinen ausgeschlossen wurden, weil sie jüdisch waren. Seit 2004 widmen DFB und DFL den Spieltag um den 27. Januar dem Erinnern und der Auseinandersetzung mit Antisemitismus und Rassismus. Erinnerungsarbeit findet im Fußball auf vielfältige Art und Weise statt, auch bei den großen Münchner Vereinen. Seit 1995 gibt es die „Löwenfans gegen Rechts“, die sich nicht nur bei den Spielen des TSV 1860 gegen Rassismus, Sexismus und Homophobie positionieren, sondern auch mit Ausstellungen, Lesungen und Podiumsdiskussionen auf sich aufmerksam machen. Die Fans des FC Bayern zeigten im Vorjahr zum Holocaust-Gedenktag in ihrer Kurve Porträts von Vereinsmitgliedern, die von den Nationalsozialisten verfolgt wurden.
Wie alle gesellschaftliche Institutionen spielte auch der Fußball seine Rolle im Nationalsozialismus - an einen „unpolitischen Sport” war gar nicht zu denken. In Verbänden und Vereinen gewannen schnell regimetreue Funktionäre an Einfluss. Beim damaligen Turnverein (TV) 1860 München übernahm im März 1933 der deutsch-national gesinnte Wilhelm Hacker den Vorsitz. Nachdem ein Jahr später der „Turn- und Sportverein München von 1860” entstanden war, wurde Fritz Ebenböck, seines Zeichens SA-Obersturmbannführer, zum Präsidenten gewählt. Nachlesen kann man das in dem Buch „Die Löwen unterm Hakenkreuz” von Historiker Anton Löffelmeier. Beim FC Bayern legte Präsident Kurt Landauer am 22. März 1933 sein Amt nieder - er war jüdischer Herkunft. München war eine Hochburg der Nationalsozialisten und alle großen Vereine der Stadt dienten sich den Machthabern an, erklärt Löffelmeier. Der Umgang mit den eigenen Mitgliedern verlief unterschiedlich: Einige Vereine führten schon 1933 den „Arierparagraphen” ein, andere ermöglichten jüdischen Sportlern zumindest bis zu den Olympischen Spielen 1936 ein gewisses Maß an Teilhabe.
Im NS-Staat konnten nur Fußballvereine fortbestehen, die dem bürgerlichen Deutschen Fußball-Bund (DFB) angehörten. Anders als heute war der DFB nicht die alleinige Instanz im Fußball - so trug der Arbeiter-Turn- und Sportbund (ATSB) in den 1920er- und 30er-Jahren eigene deutsche Meisterschaften aus und stellte sogar eine Nationalmannschaft. Die stärksten Münchner ATSB-Vereine waren die FT Gern, die FT München-Ost (heute TSV München-Ost) und der Münchner BSC (heute BSC Sendling). Die politisch links stehenden Arbeitervereine hatten unter den Nationalsozialisten keine Zukunft: Die Meisterschaft 1933 wurde abgebrochen, der ATSB aufgelöst. In München musste die FT Gern im Frühjahr 1933 ihren Fußballplatz an der Klugstraße verlassen und bekam von der Stadt keine Möglichkeit mehr, zu trainieren oder zu spielen. Das Vereinsvermögen war zuvor beschlagnahmt worden.
Nach dem Zweiten Weltkrieg gründeten sich manche Arbeitervereine neu, traten dem DFB bei und bestehen bis heute. So auch die FT Gern, die seit 1970 an der Hanebergstraße daheim ist, wo Weltmeister Philipp Lahm das Fußballspielen lernte. Obwohl wegen der Auflösung historisch nicht belastet, leistet die Freie Turnerschaft Erinnerungsarbeit - denn die Fußballer spielen auf belastetem Grund: Wo der Hauptplatz liegt, befand sich ein Lager für Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter. Nach dem Krieg diente es als Auffanglager für Displaced Persons und Flüchtlinge aus den deutschen Ostgebieten. Seit November 2025 weist ein Schild auf der Sportanlage auf die Geschichte des Ortes hin. „Wenn im Frühjahr wieder Spiele sind, wird das sicher auch wahrgenommen”, hofft Michael Franke, Vorsitzender der FT Gern. Auf die dunkle Vergangenheit des Ortes gestoßen waren Mitglieder des Vereins zufällig durch eine Karte im NS-Dokumentationszentrum. Sie begannen mit der Recherche, wälzten sich durch die Archive und erstellten die Infotafel - alles ehrenamtlich.
Dass Amateurvereine sich akribisch mit ihrer Geschichte auseinandersetzen, ist nicht selbstverständlich: Im Gegensatz zu den Proficlubs fehlen oft die personellen und zeitlichen Ressourcen. Ein Sonderfall ist der TSV Maccabi München. Der einzige deutsch-jüdische Sportverein in Südbayern wurde 1965 von Überlebenden des Holocaust gegründet. Im Vereinswappen prangt der Davidstern. „Wir wollen die Geschichte der deutsch-jüdischen Kultur nach außen tragen”, erklärt Alvaro von Lill-Rastern, Sportdirektor des TSV Maccabi. Auf dem Vereinsgelände an der Riemer Straße findet man daher Infotafeln zur Vereinshistorie - aber auch hohe Zäune und Überwachungskameras: Seit dem Überfall der Hamas am 7. Oktober 2023 wird Maccabi verstärkt angefeindet und bedroht. Zeitweise konnten die Fußballer aus Sicherheitsgründen nicht trainieren und spielen. „Die Erinnerungsarbeit ist extrem schwierig geworden”, sagt von Lill-Rastern: „Wir werden wohl immer eine Zielscheibe sein. Aber wir wollen die Leute aufklären. Beim Sport werden wir überall mit offenen Armen empfangen.”
Eine besondere Historie hat auch der FC Mainaustraße: Der Verein ging 2016 aus einer Fußballmannschaft von jungen Geflüchteten aus der Gemeinschaftsunterkunft in der Mainaustraße hervor. Zunächst spielte die Mannschaft in einer Freizeitliga, 2019 trat man dem Bayerischen Fußball-Verband (BFV) bei. Seitdem feierte der FC Mainaustraße, der in Aubing sitzt, zwei Aufstiege mit einer Mannschaft, die durchweg aus Spielern afrikanischer Herkunft besteht. „Durch die Erfolge haben wir uns Respekt verschafft”, berichtet Spieler Salif Sissoko. Neben dem Platz hilft der Verein den Spielern bei Behördengängen, Sprachkursen oder der Arbeits- und Wohnungssuche.
Im Herbst 2025 hat der FC Mainaustraße den mit 7000 Euro dotierten Julius-Hirsch-Preis, benannt nach einem im KZ Auschwitz ermordeten deutschen Nationalspieler, der DFB-Kulturstiftung erhalten. Der Vorsitzende des FC Mainaustraße, Stefan Lenz, freute sich über die „Würdigung und deutschlandweite Sichtbarkeit für die Arbeit.“ Geplant sei, mit der Mannschaft die KZ-Gedenkstätte Dachau zu besuchen. BFV-Präsident Christoph Kern nannte den Münchner Verein eine „Erfolgsgeschichte für soziales und gesellschaftliches Engagement“. Ausdrücklich unterstützt der BFV die „Initiative Erinnerungstag im Deutschen Fußball”, an der sich jeder Verein beteiligen kann, sei es mit Aktionen bei Spielen und Turnieren oder mit Posts in den sozialen Netzwerken.