Die kulturelle Landkarte einer Stadt deckt sich nicht zwangsläufig mit ihrer sportlichen Tabelle. Im Münchner Fußball gehören die großen Titel, die Weltstars und die globale Sichtbarkeit seit Jahrzehnten unverrückbar dem FC Bayern. Doch der größere Vorrat an Geschichten, Liedern, Humor und melancholischer Selbstbeschreibung liegt beim weit kleineren Rivalen aus Giesing. Während der FC Bayern die Erfolge besitzt, verfügt der TSV 1860 München auf rätselhafte Weise über den Stoff, aus dem Fußball-Religionen entstehen.
Natürlich lässt sich die These, auf Seiten der Löwen seien immer schon die „cooleren“ Künstler/innen zu finden gewesen, statistisch kaum beweisen. Aber sie beschreibt eine auffällige kulturelle Neigung. Schon der Münchner „Ur-Punk“ Sigi Hümmer schrieb mit seiner Band Marionetz die Stadionhymne „Heya Heya TSV“ (1981). Hümmer war nach eigener Aussage einfach „von Haus aus“ ein Sechzger, wie er der Süddeutschen Zeitung in einem Gespräch 2017 verriet. Sein Lied überlebte nicht nur die Band, sondern auch zahlreiche sportliche und institutionelle Zusammenbrüche des Vereins. Die ebenfalls aus der Münchner Punkgeschichte hervorgegangenen Lustfinger besangen über Jahrzehnte ihre Liebe zum TSV 1860, unter anderem in „Löwenmut“ (1990), Ihr Sänger Tom Fock trat ebenso selbstverständlich als Musiker wie als öffentlich leidender Sechzger-Anhänger in Erscheinung.
In den Neunziger- und Nullerjahren setzte sich diese Verbindung in der Indie-Kultur fort. Auch die Deutschpunk- und Ska-Formation Missbrauch veröffentlichte unter dem Alias Vorstadtkönige Fußballhymnen über den TSV 1860 München, die sogar den Weg als Chant in die Fankurve fanden. Zu ihren Klassikern gehört der Titel „Mit Leib und Seele” aus dem Jahr 2006. Der Hip-Hop-Künstler Teecain, eine Münchner Rap-Legende, nahm mit seinem Künstlerkollektiv Echorausch und in typischem Münchner Dialekt immer wieder in seinen Texten Bezug auf Giesing und die Löwen („Wir Münchner“, 2007). Hinzu kommen Kabarettisten und Schauspieler wie Michael Altinger oder Simon Pearce, deren Verhältnis zu 1860 weniger nach VIP-Loge als nach biografischer Schicksalsgemeinschaft klingt. Der BR-Radiomoderator Achim Bogdahn (Zündfunk, Eins zu Eins – Der Talk) ließ sich 2014 „Sechzig” als Künstlernamen in seinen Personalausweis eintragen.
Mitunter sind sogar Konvertiten zu verzeichnen. So offenbarte etwa der vielfach preisgekrönte Romanautor Friedrich Ani, früher Fan und sogar Mitglied des FC Bayern gewesen zu sein. 2016 trat er aus und wurde schließlich 2022 Lebensmitglied beim TSV 1860 München. Auch in der ironisch gebrochenen Popwelt der jüngeren Generation funktioniert die Anziehungskraft weiter. Zanti von Roy Bianco & Die Abbrunzati Boys ist bekennender Löwenfan. Die Band unterstützte 2026 demonstrativ die von der Giesinger Fanszene getragene Aktion „Football for the People“. So musikalisch und künstlerisch verschieden das Milieu auch ist, das von Punk über Indie-Rock, bayerisches Liedermachertum und Kabarett bis zu Hip-Hop und postmodernen Italo-Schlager reicht, es besitzt ein gemeinsames Interesse für das Unfertige, Widersprüchliche und leicht Beschädigte.
Von großer Leidenschaft für den Verein getragen, ist seit 2022 auch das Engagement der Vereinigung „Kreative für Sechzig“. Die Initiative versammelt Menschen aus den Bereichen Design, Kunst, Illustration und Fotografie, die den gemeinnützigen TSV 1860 München e. V. ideell, gestalterisch und finanziell unterstützen. Ihre Mitglieder lesen sich wie ein Who’s Who der Münchner Kreativszene. Für einen Sportverein ist eine Musikabteilung eher ungewöhnlich. Eine solche unterhält der TSV 1860 München seit 2021 wieder. Die „Sechzger Musikanten” unter Dirigent Anton Hörger knüpfen mit ihrer Tätigkeit an die Ursprünge des historischen Sängerkreises von 1861 an, dessen Chöre und Liederabende die gesellige Identität des Klubs stärkten.
Subkultur entsteht selten im Zentrum der Macht, sondern an den Rändern. Sie sucht die Brüche und jene Orte, an denen die offizielle Erzählung nicht alles erklärt. Der FC Bayern ist schon lange nicht mehr nur ein Münchner Fußballverein. Er ist ein international organisierter Spitzenklub mit Niederlassungen und Auslandsbüros in New York City (USA), Shanghai (China), Bangkok (Thailand) und Seoul (Südkorea). An der Säbener Straße verfolgt man eine an Reichweiten- und Umsatzwachstum ausgerichtete Strategie und generiert damit einen Jahresumsatz von zuletzt fast einer Milliarde Euro. Es ist das Ergebnis außergewöhnlich konsequenter Arbeit, sportlicher Kompetenz und jahrzehntelangen Erfolgs. Aber kulturell hat diese Perfektion einen Preis: Sie lässt wenig Leerstellen.
Der FC Bayern erzählt eine weitgehend geschlossene Geschichte. Eine Geschichte vom Aufstieg, von der Durchsetzungskraft, von Rekorden und dem immerwährenden Anspruch, auch im nächsten Jahr selbstverständlich wieder der Beste zu sein. Selbst seine Krisen sind meist Krisen auf höchstem Niveau. Ein unglücklich verlorenes Meisterschaftsrennen, ein entlassener Trainer, ein verpasstes Champions-League-Finale – das Drama besteht gewöhnlich darin, dass die unaufhaltsam mahlende und gut geölte Maschine für einige Wochen nicht so zuverlässig arbeitet wie vorgesehen.
1860 dagegen ist keine Maschine. Der Klub ist ein fortgesetztes Improvisationskunststück. Bei den Löwen kann am Montag der Aufstieg ausgerufen, am Mittwoch der Geschäftsführer entlassen und am Freitag die Existenzfrage gestellt werden. Sie produzieren keine geradlinige Erfolgserzählung, sondern Episoden mit überraschenden Wendungen und stets offenem Ende. Wer 1860 folgt, entscheidet sich nicht für die Wahrscheinlichkeit des Sieges, sondern für die Möglichkeit des Wunders. Und wo Wunder möglich sind, das wissen alle Gläubigen, ist auch die Katastrophe selten weit entfernt.
Darin liegt womöglich eine Verwandtschaft zu künstlerischen Existenzen. Musiker/innen, Autoren und Schauspieler/innen kennen das prekäre Verhältnis zwischen großer Hoffnung und bescheidener Wirklichkeit. Sie wissen, wie es sich anfühlt, einen Abend lang gefeiert zu werden und am nächsten Morgen wieder unbekannt und von Geldsorgen bedroht zu sein. Der Löwenfan ist deshalb nie bloß Zuschauer. Er ist ein Erzähler, Chronist, Satiriker und Seelsorger seines Vereins. Weil die sportliche Realität selten dauerhaft Trost spendet, muss er ihn selbst herstellen. Trost in Form von Liedern, Sprüchen, Zaunfahnen, Fanzines, Wandbildern und einem Humor, der immer schon die nächste Niederlage mit einkalkuliert.
Auch das Bild vom Arbeiterverein ist Teil dieser kulturellen Selbsterzählung. Historisch betrachtet war der TSV 1860 München keineswegs der proletarische Klub, als der er heute gelegentlich dargestellt wird. Die Vereinsführung rekrutierte sich bei der Gründung und lange danach aus höheren gesellschaftlichen Schichten der Stadt. Doch gesellschaftliche Identität entsteht nicht allein aus Gründungsakten. Sie entsteht aus Orten, Erinnerungen und späteren Erfahrungen. Giesing galt lange als Arbeiterviertel und das Grünwalder Stadion steht inmitten dieses gewachsenen Stadtteils. Der Spieltag des TSV 1860 beginnt heute nicht mehr wie noch zwischen 2004 und 2017 am Autobahnkreuz München-Nord, irgendwo neben dem Klärwerk Großlappen, sondern wieder zwischen Häuserzeilen, Imbissen, in Hinterhöfen und typischen Boazn. Dadurch wurde aus dem historisch ungenauen Etikett eine sozial wirksame Wahrheit. 1860 erscheint als Verein derer, die ihre Zugehörigkeit nicht durch ständigen Erfolg bestätigt bekommen.
Diese romantische Gegenüberstellung darf natürlich nicht zur Geschichtsklitterung führen. Der FC Bayern besitzt selbst eine bedeutende liberale und kosmopolitische Tradition, die untrennbar mit seinem langjährigen jüdischen Präsidenten Kurt Landauer und dem Stadtteil Schwabing mit seiner Bohème verbunden ist. Umgekehrt war auch 1860 niemals frei von Machtpolitik, Größenwahn, kommerziellen Verlockungen und einem dunklen historischen Kapitel während der Zeit des Nationalsozialismus. Die Trennlinie lautet also nicht: hier der moralisch gute Arbeiterverein, dort der seelenlose Konzern. Eine solche Darstellung wäre grundfalsch. Es geht vielmehr um unterschiedliche symbolische Rollen.
Seit Jahrzehnten versammelt sich in den Klubgremien und Ehrenlogen des FC Bayern die wirtschaftliche und politische Machtelite des Landes. Sie reicht von Repräsentanten großer Industrieunternehmen bis zu CSU-Granden. Dieses Verhältnis brachte Ministerpräsident Markus Söder 2025 in einer Fernsehsendung konsequent auf den Punkt, als er erklärte, er könne sich einfach nicht vorstellen, dass politisch Linke Fans des FC Bayern seien, da dies kulturell einfach nicht zusammenpasse. Schließlich stünden die Bayern für „Erfolg, Reichtum, Klasse und Substanz“ – Eigenschaften, die nach Söders Ansicht Linken grundsätzlich fehlen würden. Ab und an darf auch ein prominenter SPD-Politiker wie der aktuelle Vizekanzler Lars Klingbeil im Verwaltungsbeirat des FC Bayern mittun. Der würde sich selbst aber vermutlich auch nicht als links bezeichnen.
An die 432.500 Mitglieder zählt der FC Bayern nach eigenen Angaben und ist damit neben Benfica Lissabon der mitgliederstärkste Verein weltweit. In München verkörpert er das Prinzip der gelungenen kapitalistischen Moderne: Professionalisierung, Wachstum, Selbstbehauptung und internationale Anschluss- und Wettbewerbsfähigkeit. 1860 verkörpert deren Rückseite: Erinnerung, Verlust, lokale Bindung, verletzten Stolz und oft auch die Unfähigkeit, aus Niederlagen eine logische Konsequenz zu ziehen. Der eine Klub verspricht die einfache Teilhabe am großen Erfolg. Der andere verlangt Treue ohne Gegenleistung.
Vielleicht sind die Löwen für Künstler/innen genau aus diesem Grund interessant. Kunst entsteht weniger aus Bewunderung als durch Reibung. Ein makelloses Produkt lässt sich konsumieren, ein widersprüchlicher Verein will interpretiert werden. Beim FC Bayern ist die große Erzählung längst vorhanden. Sie wurde nach allen Regeln des Marketings durchdekliniert und professionell ausgeleuchtet. Bei 1860 muss sie dagegen fast schon Woche für Woche neu erfunden werden. Vermutlich sind die Giesinger nicht trotz, sondern gerade wegen ihres häufigen Scheiterns der popkulturell relevantere Verein. Ihre Geschichte ähnelt jedenfalls weniger einer Heldensaga als einem alten Münchner Lied der legendären Volkssängerin Bally Prell: schrill, ein wenig wehmütig, gelegentlich im Ton daneben und dabei von einer Melodie getragen, die man einfach nicht mehr aus dem Kopf bekommt. (as)
Quellen:
https://www.sueddeutsche.de/muenchen/tsv-1860-muenchen-wie-ein-muenchner-ur-punk-die-sechziger-hymne-erschuf-1.3644695
https://www.sport1.de/news/fussball/bundesliga/2025/05/wirbel-um-bayern-meisterfeier-soder-ledert-gegen-die-linke
https://www.faszination-fankurve.de/news/124031/football-for-the-people-im-interview-warum-dieser-moment-eine-historische-chance-ist
https://de.wikipedia.org/wiki/Bally_Prell