Mit einem Trikot, das symbolhafter nicht hätte ausfallen können, startet der TSV 1860 München nach dem Lizenzverlust mit seinen Profifußballern in das Abenteuer Regionalliga. Das Textil trägt den Slogan der Fans „Football for the People“ auf dem Rücken. Als Botschaft, dass dieser Verein keinem einzelnen Investor mehr, sondern wieder selbstbestimmt seinen Mitgliedern und Fans gehört. Ermöglicht wurde dieser Aufdruck durch eine Crowdfunding-Kampagne, an der sich Tausende Löwinnen und Löwen, Fangruppierungen und auch nicht wenige Anhänger anderer Vereine beteiligt hatten.
Doch nicht nur unter den Anhängern der Weiß-Blauen könnte das Hemdchen zum Verkaufsrenner werden. Denn Fußballtrikots sind schon lange nicht mehr nur ein Bekenntnis zu einem Verein. Sie haben das Stadion verlassen. Ihre Vorgeschichte beginnt Mitte der 1970er-Jahre. In der Saison 1973/74 brachte die britische Marke Admiral Sportswear die ersten kommerziell vertriebenen Replikatrikots aus Nylon statt herkömmlicher Baumwolle auf den Markt. Pionier dieser Entwicklung war Leeds United. Damals trugen Fans in Deutschland im Stadion Schals und selbst gestaltete Jeansjacken mit Aufnähern oder Fahnen. In den 1980er- und insbesondere den 1990er-Jahren verbanden sich Fußball, britische Jugendkultur, Sportswear und Britpop zunehmend. Der Trend hielt auch hierzulande Einzug. Allmählich wanderte das Trikot vom Rasen in den Alltag.
Die aktuelle Modewelle in Sachen Fußballtrikots ist jedoch jünger: Ende 2021 entstand auf der Social-Media-Plattform TikTok der Begriff „Blokecore” für die modische Kombination aus Retro-Fußballtrikot, weiten Jeans, Turnschuhen und einem bewusst unkomplizierten Styling. Im Jahr 2022 verbreitete sich dieser Look rasant international. Trikots aus den 1990er- und frühen 2000er-Jahren sind besonders gefragt. Sie sind in der Regel weiter geschnitten, haben auffällige Kragen, ungewöhnliche Muster und Werbelogos, die heute einen nostalgischen Eindruck machen. Auf der Straße werden sie von Fashionistas auf der ganzen Welt wie Erinnerungsstücke getragen: ein wenig Sport, ein wenig Popkultur und viel Nostalgie. Mit ihren glänzenden Stoffen, kräftigen Farben, Wappen und Werbeschriftzügen wirken sie wie grafische Zeugnisse früherer Modeepochen.
Die großen Hersteller wie Adidas, Puma, Nike oder Joma reagierten rasch auf den Trend. Kaum ein Verein in Deutschland, der in den letzten Jahren keine neu gestaltete Retro- oder Lifestylekollektion auf den Markt gebracht hätte. Zu den kleinen Nischenanbietern in diesem Segment zählt das noch junge Münchner Unternehmen Societas, das der Designer Mirco Borsche vor zwei Jahren mitbegründete. Als Gestalter zeichnet Borsche verantwortlich für den kompletten Relaunch von Inter Mailand (2021) und für die Trikots des Venezia FC (2022), dessen internationale Verkäufe daraufhin durch die Decke gingen. Danach wandten sich auch erste deutsche Klubs an ihn.
Für den TSV 1860 München liefert der Münchner Anbieter Societas nun erstmals in seiner Unternehmensgeschichte wettkampftaugliche Trikots und weiteres Material. Eine ernste Herausforderung, die in kürzester Zeit zu realisieren war und deren erste Ergebnisse in Form des Heimtrikots nun vorliegen. Die Münchner Löwen sind dabei, sich grundlegend zu erneuern. Vom unbeliebten dubiosen Investorenkonstrukt zum wieder autonomen Verein, dessen Freiheitskampf eine fußballromantische Geschichte erzählt, die weltweit auf Interesse stößt. Für die Marketing-Disziplin des Storytelling könnte der Umstand kaum attraktiver sein. Ein Unternehmen, das das sofort begriffen hat, ist der neue Trikot- und Hauptsponsor, Dialog Versicherungen. Sie ließen es sich nicht nehmen, die Parole „Freiheit für Sechzig!“ auf dem Trikot oberhalb ihrer Logos platzieren zu lassen.
Dass das neue Trikot vorübergehend statt des bekannten Löwen ein historisches Signet der Fußballabteilung (FA) auf der Brust trägt, weil die Vermarktungsrechte noch bei einem Merchandising-Unternehmen liegen, das sich vollständig in der Hand des Investors befindet, dürfte dem Absatz nicht schaden. Im Gegenteil: Es wird das Stück vermutlich nur noch begehrter machen – als ein Unikat, das es in der Trikotgeschichte der Löwen danach nie mehr geben wird. Bis die Trikots für Fans käuflich erhältlich sind, könnte es allerdings noch etwas dauern. Kenner der Materie rechnen in nennenswerter Stückzahl kaum vor Oktober damit. (as)
Das sind die Rückennummern des TSV 1860 München:
1 Paul Bachmann (TW)
2 Julian Bell
4 Felix Weber
5 Mathew Collins
6 Benedikt Hoppe
7 Florian Niederlechner
8 Raphael Wach
9 Fabio Wagner
10 Tunay Deniz
11 Brahim Moumou
12 Arian Ortivero Calderon
13 Michael Eberwein
14 Dennis Dressel
17 Cristian Leone
19 Emre Erdogan
20 Noah Klose
22 Loris Husic
23 Stefan Musa (TW)
24 Mark Gevorgyan
25 Damjan Dordan
30 Vitus Eicher (TW)
33 Lasse Faßmann
34 Edon Krasniqi
39 Ludwig Estermann
44 Samuel Althaus
47 Lance Fiedler
Quellen:
https://nationalfootballmuseum.com/news/admiral-50-years