Bosnien-Herzegowina ist ein Beispiel für die Schwierigkeiten, aber auch für die Stärken des Dialogs und des Zusammenlebens zwischen verschiedenen Kulturen und Religionen im Herzen Europas. Aus diesem Grund besuchte Ende 2025 eine Gruppe von 21 Personen aus verschiedenen interreligiösen Gruppen dieses Land im Rahmen einer „Studien- und Begegnungsreise für Multiplikator*innen des interreligiösen Dialogs”. Teil dieser Reisegruppe aus Christen, Muslimen und Agnostikern waren auch Sara Hoffmann-Cumani und Claudio Cumani vom Integrationbeisrat Garching. Begleitet wurden sie von Kirchenrätin Mirjam Elsel (Beauftragte für den Interreligiösen Dialog der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern), Gönül Yerli (Vizepräsidentin der Islamischen Gemeinde Penzberg), Jasmina Sarac-Hodzic (Muslimisches Bildungswerk Bayern) und Imam Belmin Mehic (Münchner Forum für Islam). Besucht wurden die Städte Mostar, Sarajevo und Srebrenica.
In Mostar traf man Hauptimam Dino Maksumic und den orthodoxen Erzpriester Dusko Kojic. In einem integrativen multiethnischen Kindergarten stellte die Leiterin die frühkindliche Bildung und den pädagogischen Alltag vor. Die Einrichtung betreut Kinder aus multiethnischen Familien gemeinsam. Die Begegnung mit dem engagierten Personal verdeutlichte, wie wichtig – und nicht selbstverständlich – das gemeinsame Lernen und Miteinander bereits im frühen Alter für den gesellschaftlichen Zusammenhalt sind.
Auf der Fahrt nach Sarajevo besuchte die Reisegruppe dann das orthodoxe Kloster Zitomislici, in dem sie Mönch Konstantin empfing. Danach ging es noch in das Derwisch-Kloster in Blagaj.
In Sarajevo sprach man mit dem multiethnischen Bürgerverein für psychosoziale Unterstützung, „Progress“. Die Vorsitzende Azra Frlj und die Projektkoordinatorin Sanja Covic erzählten von der Arbeit des Vereins zur Förderung und Unterstützung der Opfer von Gewalt und Krieg. Durch multiethnische Jugendarbeit, psychosoziale Unterstützung an Schulen und die Entwicklung beruflicher Perspektiven helfen sie jungen Menschen in Bosnien-Herzegowina, wieder Perspektiven für ihr eigenes Leben zu gewinnen.
In der Islamischen Fakultät und in der Katholisch-Theologischen Fakultät erlebte die Gruppe den Dialog zwischen den Religionen derer, die in der Hauptstadt zusammenleben und studieren. Prof. Dina Sijamhodzic-Nadarevic und Prof. Orhan Jasic gaben den Besuchern einen Einblick in den europäischen Islam. Über die wichtige Arbeit des Interreligiösen Rates von Bosnien und Herzegowina berichteten der katholische Priester Oliver Jurisic, Professor für Philosophie an der Katholischen Theologischen Fakultät, und Stefan Terzic, serbisch-orthodoxes Mitglied des Sekretariats. Der Rat setzt sich aus Vertretern der Islamischen Gemeinschaft, der Serbisch-Orthodoxen Kirche, der Römisch-Katholischen Kirche und der Jüdischen Gemeinschaft zusammen.
In der Gazi-Husrev-beg-Moschee und in der Kaisermoschee nahm die Reisegruppe aus Bayern am Freitagsgebet teil. Der Chasan (Kantor) Igor Kozemjakin führte sie in die Kabbala Shabbat in der aschkenasischen Synagoge ein.
Muhamed Jugo empfing die Gruppe im Rijaset, dem Verband der islamischen Gemeinschaften in Bosnien und Herzegowina. Es ist das höchste religiös-administrative Organ der islamischen Gemeinschaft in Bosnien und Herzegowina, das vom Reis-ul-Ulema (Großmufti) geleitet wird.
Pfarrer Tomislav Dobutovic berichtete von der anspruchsvollen Arbeit der baptistischen Gemeinde bei der Aufnahme von Flüchtlingen, die zahlreich aus dem Nahen Osten, aus Afghanistan und Afrika nach Bosnien-Herzegowina kommen. Im Auslandsbüro Bosnien-Herzegowina der Konrad-Adenauer-Stiftung informierten Dijana Prljic, die Koordinatorin des Stipendienprogramms, und Senada Bratic, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit, über die Projekte der Stiftung zur Entwicklung Bosnien-Herzegowinas und zum Zusammenleben seiner Bevölkerungsgruppen.
Letztes Ziel der Reise war das Memorialzentrum Potocari in Srebrenica, mit seinen überwältigenden Zeugnissen des Völkermordes, bei dem zwischen dem 11. und 19. Juli 1995 mehr als 8.000 bosnische Muslime und auch etwa 80 Roma massakriert worden waren. Insbesondere in Srebrenica haben die Teilnehmer der Reise gespürt, wie tiefgreifend und wichtig Fragen von Verantwortung, Erinnerung und menschlichem Leid sind. Aber auch an diesem Ort haben sie die Kraft der Hoffnung erlebt, beim Besuch des Internationalen Solidaritätsforums Emmaus, einem Zentrum, das das Ziel verfolgt, schutzbedürftigen Bevölkerungsgruppen humanitäre Hilfe zu leisten und den sozialen Zusammenhalt in der Post-Konflikt-Gesellschaft zu stärken. Das Forum betreibt ein Internat für Kinder aus Srebrenica sowie Tageszentren mit dem Ziel, Bildungschancen zu sichern und soziale Inklusion zu fördern. Sein Projekt „Eine Mahlzeit pro Tag“ versorgt insbesondere alleinstehende, kranke oder alte Menschen in entlegenen ländlichen Gebieten rund um Srebrenica.
„Die Reise hat den Teilnehmern gezeigt, zu welchen Extremen der Mensch fähig ist, wenn es darum geht, seinen Mitmenschen zu vernichten oder zu retten. Und wie destruktiv Religionen noch heute eingesetzt werden können, wenn sie mit nationalistischen Diskursen verbunden sind, oder aber eine Kraft für Dialog und Zusammenleben sein können, wenn sie uns nach dem Sinn des menschlichen Daseins in der Welt fragen”, resümieren Sara Hoffmann-Cumani und Claudio Cumani die Erfahrungen dieser Reise.