Aus heutiger Perspektive ist es kaum noch nachzuvollziehen, doch in den 70er Jahren fuhren die meisten Menschen Auto, ohne angeschnallt zu sein. Lediglich fünf Prozent legten 1972 den Gurt an. Der Grund: Für viele bedeutete das Anschnallen eine Einschränkung der persönlichen Freiheit. Die Abneigung war derart groß, dass 1974 bei einer Studie zum Thema die beteiligten Psychologen von den Befragten zum Teil heftig beschimpft wurden. Anfang der Siebziger war auch nur ein Drittel der Fahrzeuge überhaupt mit einem Gurt ausgestattet. Das änderte sich, als ab dem 1. Januar 1974 neue Autos in Westdeutschland auf den Vordersitzen mit Sicherheitsgurten ausgestattet sein mussten. In der DDR galt die Regelung bereits seit 1970. Nutzen wollte das Sicherheitsfeature im Westen jedoch zunächst kaum jemand. Wer sich um seine Sicherheit im Pkw sorgte, galt als ängstlicher Spießbürger.
Um diese Einstellung zu ändern, gab es etliche Pro-Gurt-Werbekampagnen. „Könner tragen Gurt” lautete etwa der Slogan des Deutschen Verkehrssicherheitsrates. Insgesamt wurden zu dieser Zeit etwa acht Millionen D-Mark in Werbung für den Sicherheitsgurt investiert. „Erst gurten, dann starten” lautete ein weiterer bekannter Slogan. Im November 1974 lief zudem in der ARD die TV-Show „Mit Gurt und ohne Fahne” an, moderiert von Frank Elstner. Hintergrund war die schockierend hohe Zahl an Toten im Straßenverkehr zu dieser Zeit. Rund 20.000 Menschen wurden 1970 auf deutschen Straßen getötet; ein trauriger Rekord, und auch in den Folgejahren blieb die Zahl der Toten im Straßenverkehr extrem hoch. Zum Vergleich: 2024 starben 2.770 Menschen durch Verkehrsunfälle.
Dennoch blieb das Gros der Autofahrer stur, wenn es ums Anschnallen ging. Die Sorge, angeschnallt aus einem brennenden oder im Wasser versinkenden Fahrzeug nach einem Unfall nicht mehr entkommen zu können, überwog bei vielen in der Abwägung mit den erwiesenen Sicherheitsvorteilen, die ein Gurt bei herkömmlichen Unfällen bot. Die Pflicht, auf den Vordersitzen einen Gurt anzulegen, kam dann am 1. Januar 1976. Viele Fahrer ignorierten die neue Regelung. Was wohl auch daran lag, dass eine Missachtung der Anschnallpflicht keine Folgen hatte, denn ein Bußgeld war nicht vorgesehen. Noch 1979 war etwa die Hälfte der Autofahrer unangeschnallt unterwegs. Erst als 1984 ein Bußgeld in Höhe von 40 D-Mark eingeführt wurde, änderte sich das Verhalten. Die Anschnall-Quote stieg innerhalb weniger Monate auf mehr als 90 Prozent. Die Zahl der Verkehrstoten wiederum sank deutlich in der Folge deutlich: 8.400 Menschen kamen im Jahr 1985 auf deutschen Straßen zu Tode. Heute liegt die Anschnallquote mittlerweile bei 98 Prozent.