Von den Nazis ausgelöscht

Erinnerungszeichen für Familie Reinhardt in Sintpertstraße übergeben

Relativ unscheinbar, aber mit einem schrecklichen Hintergrund: das neue Erinnerungszeichen für die Reinhardts in der Sintpertstraße 15. Als die achtköpfige Familie hier lebte, befand sich dort eine Kleingartensiedlung. Foto: bs

Relativ unscheinbar, aber mit einem schrecklichen Hintergrund: das neue Erinnerungszeichen für die Reinhardts in der Sintpertstraße 15. Als die achtköpfige Familie hier lebte, befand sich dort eine Kleingartensiedlung. Foto: bs

Giesing/München · Die Reinhardts waren eine Giesinger Familie - eine Familie, die von den Nationalsozialisten komplett ausgelöscht wurde, weil sie als Sinti nicht in das menschenverachtende Weltbild passten. Um der Familie Reinhardt zumindest symbolisch ihren Platz in der Gesellschaft zurückzugeben, hat die Stadt München ein Erinnerungszeichen in der Sintpertstraße eingeweiht.

Der Kapellmeister Rudolf Reinhardt lebte mit seiner Frau Anna und den sechs Kindern Siegfried, Herbrecht-Josef, Martin, Margarete, Rigo und Adolf in einer Kleingartensiedlung, die nicht mehr existiert. Heute stehen hier die Wohngebäude Sintpertstraße 9-15. Die musikalische Familie ging oft auf Konzertreisen, doch mit Beginn des Zweiten Weltkriegs konnte sie das nicht mehr – Sinti und Roma wurden „festgesetzt“ und durften sich nicht mehr frei bewegen.

Im Juli 1942 nahm die Kriminalpolizei Rudolf Reinhardt fest, im Konzentrationslager Mauthausen-Gusen kam er im Oktober 1942 ums Leben. Wie alle Münchner Sinti und Roma ließ die Polizei auch Anna Reinhardt und ihre Kinder - darunter den gerade einjährigen Adolf - am 8. März 1943 verhaften und deportierte sie in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Niemand aus der Familie überlebte die Misshandlungen, medizinischen Experimente, den Hunger und die Krankheiten, denen sie dort ausgesetzt waren.

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Insgesamt wurden mindestens 136 Sinti und Roma aus dem Raum München nach Auschwitz deportiert, 69 davon waren Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren. Vor der Machtergreifung waren viele Sinti und Roma in der deutschen Gesellschaft gut integriert, zahlreiche Männer hatten im Ersten Weltkrieg in der kaiserlichen Armee gedient. Das bewahrte sie jedoch nicht vor Entrechtung, Ghettoisierung und Deportation. Im KZ Auschwitz wurden über 19.000 Sinti und Roma ermordet, viele weitere starben an Hunger und Krankheiten.

Im März 2019 hatte die Stadt München in der Friedenspromenade in Trudering ein Erinnerungszeichen für die mit den Reinhardts verwandte Familie Schneck eingeweiht - es war das erste für Angehörige von Sinti und Roma in der bayerischen Landeshauptstadt.

Die Übergabe in der Sintpertstraße war bereits vor einem Jahr geplant, wurde damals wegen des Ausbruchs der Corona-Pandemie verschoben und nun, unter Ausschluss der Öffentlichkeit, nachgeholt.

Neben Bürgermeisterin Katrin Habenschaden nahmen Roberto Paskowski, stellvertretender Vorsitzender des Verbandes Deutscher Sinti und Roma, Landesverband Bayern, und Carmen Dullinger-Oßwald, Vorsitzende des Bezirksausschusses Obergiesing-Fasangarten (BA 17), teil.

"Es ist unsere Pflicht, solche Erinnerungsorte zu zeigen", meinte Dullinger-Oßwald - und wies darauf hin, dass nur wenige hundert Meter entfernt, in der Weißenseestraße, in der NS-Zeit ein Lager für Zwangsarbeiterinnen der Agfa-Werke untergebracht war.

Bürgermeisterin Habenschaden betonte in ihrer Ansprache, dass mit dem Ende des Kriegs das Leiden der Sinti und Roma nicht vorüber war. Bis heute haben Angehörige der seit über 700 Jahren in Europa lebenden Volksgruppe mit Diskriminierung und Ablehnung zu kämpfen. Der Völkermord an den Sinti und Roma, der laut Paskowski in der Bundesrepublik von Politikern und Historikern lange ignoriert, teilweise sogar geleugnet worden sei, ist inzwischen fester Bestandteil der Erinnerungskultur.
Entscheidend dafür war die Gründung des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma im Jahr 1982. Erst seit Ende der 1990er Jahre sind Sinti und Roma als nationale Minderheit anerkannt.
B. Schuldt

Artikel vom 24.03.2021
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