Schlussakkord nach 5 Jahren

Neuperlach · Der Kunsttreff im Quiddezentrum öffnet zum letzten Mal die Türen

Frank und Ingrid Müller vom Kunstrefugium brachten viele Kunstprojekte im Quiddezentrum auf den Weg. Foto: oh

Frank und Ingrid Müller vom Kunstrefugium brachten viele Kunstprojekte im Quiddezentrum auf den Weg. Foto: oh

Neuperlach · Am Samstag, 25. Mai, ist es soweit: der Kunsttreff Quiddezentrum und mit ihm die umliegenden Künstlerateliers öffnet zum letzten Mal seine Pforten. Kunstrefugium e.V., die Künstlervereinigung, die hinter der Organisation steht, beendet den fünf Jahre bestehenden Kulturbetrieb mit einem Paukenschlag.

Es werden an diesem Nachmittag alle Künstler der Ateliers anwesend sein, im Kunsttreff gibt es in der Ausstellung „art space“ nochmal „Art to go“, im Atelier Belaga kann man an einem Workshop teilnehmen und ein Konzert erleben ... und natürlich wird auch Manfred Ossenbrunner dabei sein, denn ohne ihn und sein ehrenamtliches Engagement zu Beginn gäbe es das Projekt nicht. So lädt er um 17.00 Uhr zu einer Führung durch das Areal, erklärt Hintergründiges, stellt die Künstler vor und steuert die ein oder andere Anekdote aus den letzten fünf Jahren bei. Treffpunkt ist vor dem Kunsttreff in der Quiddestraße 45. Davor gibt es um 16.00 Uhr mit Katharina Belaga die Malaktion „Freundschaftsband“: Ein 10 Meter langes Bild, auf dem sich jeder künstlerisch zu dem Kunsttreff mitteilen kann, einkleben von mitgebrachten Fotos und Zeitungsausschnitte ist erwünscht! Um 18.00 Uhr gibt es im Atelier Belaga noch ein Klavier-Konzert mit Maria Roters. Manfred Ossenbrunner hatte die Idee, in der ehemaligen Stadtbücherei des Quiddezentrum bis zum Abriss Kunstausstellungen zu zeigen. Die Motivation dazu war, eine Verwaisung und Verwahrlosung des ehemaligen Ladenzentrums abzuwenden. Das Szenario des abgerissenen Plettzentrums hatten noch viele vor Augen und es sollte sich im Quiddezentrum nicht wiederholen. Manfred Ossenbrunner nahm Kontakt auf zu Künstlern und Künstlergruppen, lernte so Ingrid Müller und mit ihr das Kunstrefugium kennen, dessen Vorstand sie war und ist. Schnell machte er den Vorschlag, dass das Kunstrefugium als erfahrener Verein in der Durchführung von Kunstveranstaltungen die Organisation des Ausstellungsraumes übernehmen sollte. Kurz darauf präsentierte Ingrid Müller ein Konzept mit im Zwei-Wochen-Turnus wechselnden Werkschauen. Die WSB (Wohnungs- und Siedlungsbau Bayern) als Besitzerin des Areals stellte die Räumlichkeiten zur Verfügung, der Bezirksausschuss 16 Ramersdorf-Perlach (BA) die finanzielle Unterstützung und das Kulturreferat beschickte seinen Verteiler mit den Flyern des Kunsttreffs.

Dann startete ein Kulturbetrieb, der erstmal nur für ein halbes Jahr gedacht war, aber dann fünf Jahre lang durchgehend ein stetig wechselndes Programm bot. Nur die Heizung, die im dritten Winter den Geist aufgab, bremste die Dynamik des Kunsttreff in der kalten Jahreszeit. Trotzdem kamen knapp 90 Ausstellungen mit zusätzlichen Events wie Lesungen, Performances, Konzerte, Theateraufführungen und anderem zustande. Es gab viele Einzelausstellungen von Berufskünstlern, von Freizeitmalern oder Nachwuchstalenten, von studierten Künstlern oder Autodidakten, Künstlergruppen aus ganz Deutschland, aber auch aus Österreich. Die Münchner Schulen zeigten „Kunst bewegt Schule“, die Wilhelm Busch Realschule „Head, hand and heart“. Es gab die Werke der in Neuperlach allseits bekannten, schon verstorbenen Künstler Wolfgang Niesner und Wolfgang Wölfl zu sehen. Mit dem Projekt „art in motion“ wurde die Symbiose aus bildender Kunst, Musik und Tanz erlebbar. Nicht zu vergessen natürlich die Eröffnung des Neuperlacher Zoos, mit dem die Street-Art-Gruppe „blauer Vogel“ das Quiddezentrum zu einem Hot Spot für Spaziergänger machte, die hier mit ihren Fotoapparaten die blau aufgesprayten Tiere einzufangen versuchten. Ingrid Müller erinnert sich an viele wunderbare Momente, besonders bei Projekten, die sie selbst gemeinsam mit ihren Kollegen vom Kunstrefugium, allen voran ihr Mann Frank Müller, Richard Schleich, Lieselotte Ott und Manuela Clarin initiiert hat. So das Land-Art-Projekt mit Flüchtlingen 2015, die öffentlich ausgeschriebenen Werkschauen „Kunsttreff für alle: Ramersdorf Perlach stellt aus“, die Themenausstellung „Heimat“ und natürlich das größte und bewegendste Ereignis im Kunsttreff: „50 Gesichter Neuperlach“ zum 50-Jährigen des Stadtteils, bei der Ute Schwab zum Organisationsteam dazu kam. Nicht zu vergessen auch die Mach-Mit-Reihe, bei der Aktzeichnen, Druckverfahren, Papierschöpfen und vieles mehr als offenes Angebot ausprobiert werden konnte. Als letztes dieser partizipativen Projekte gab es den „Skulpturengarten“, an dem sich neben vielen Künstlern rund um das Quiddezentrum sogar eine Künstlerin aus Belgien beteiligt hat und über 20 Kinder des Kindertreffpunkt Oskar Maria Graf Ring. Im Kunsttreff ist viel passiert, weil durch die Struktur der Zwischennutzung schnelles Handeln angesagt war und durch die unkomplizierte Organisation, die Großzügigkeit der WSB, die Offenheit des örtlichen BA vieles ausprobiert werden konnte. Und so wuchs aus einer Idee die nächste: ein inspirierender Ort, an dem Neues entstehen konnte und der offen war für jeden, der Kunst betrachten, seine eigene zeigen oder vor Ort selbst kreativ werden wollte.

Seit bekannt wurde, dass der Abriss näher rückt, wurde es etwas ruhiger und statt der ständig wechselnden Ausstellungen kam mit „Art Space – eine beständige Schau von 16 Mitgliedern des Kunstrefugiums, die seit einem halben Jahr jeden Samstag von 15.00 bis 19.00 Uhr geöffnet ist. Allerdings zum allerletzten Mal am Samstag, wenn auch die Ateliers von Jan Deichmann (aka CAZ 132), Robert Posselt, Dr. Katharina Belaga, Manuela Clarin, Ingrid und Frank Müller und im Untergeschoss des Kunsttreffs das von Angela Widholz die Türen öffnen. Auch wenn dieser Tag, ein Tag des Abschieds ist, ist der Blick der Organisatoren doch schon wieder nach vorne gerichtet. Die WSB kam auf Ingrid Müller zu und hat ein Ersatzgebäude für die Fortführung des Kunsttreff angeboten. Es ist um einiges kleiner, liegt nicht in Neuperlach, sondern in Moosach, aber es geht weiter, dieses Ende ist geleichzeitig ein Neuanfang. Künstler sollten flexibel sein und vielleicht hat auch der ein oder andere Neuperlacher Lust, den Kunsttreff zur Eröffnung in Moosach zu besuchen, der schon Mitte Juli mit seinem Programm dort startet, mit einer Kunstausstellung von Kunstrefugium e.V.

Artikel vom 21.05.2019
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