Altmodisch, kitschig oder gar uncool, so lautete noch vor kurzem das Urteil der meisten Neuntklässler aus dem Germeringer Carl-Spitzweg-Gymnasium zum Thema Lyrik. Kaum zu glauben, wenn man die Mädchen und Jungs am vergangenen Dienstagabend in der Stadtbibliothek erleben durfte, wie sie eineinhalb Stunden lang selbstverfasste Gedichte, phantasievolle Textbearbeitungen und Haiku vortrugen – und das mit sicht- und spürbarer Begeisterung. „Lust auf Lyrik“, hatten die 26 Schülerinnen und Schüler der 9b durch ein gleichnamiges Projekt der Stiftung Lyrik Kabinett bekommen: Im Rahmen dieses erfolgreichen, vor sechs Jahren begründeten Modellprojektes waren die beiden jungen Autorinnen und Lyrikerinnen Karin Fellner und Andrea Heuser ans Carl-Spitzweg-Gymnasium gekommen, um als „Lyrical Special Agents“ den Neuntklässlerin „einen frischen, spielerischen Zugang zur Dichtung“ zu eröffnen.
Schöne, inspirierende Räume mit einer wunderbaren Atmosphäre biete die Germeringer Stadtbibliothek an, begrüßte Pia-Elisabeth Leuschner als Vertreterin der Stiftung Lyrik Kabinett die Lehrer, Eltern und anderen Gäste zur Ergebnispräsentation der bereits achten Staffel des Schulprojektes, das Jugendlichen einen Zugang zu Gedichten ermöglichen und dafür sorgen solle, „dass Lyrik nicht mehr nervt“; dann bat sie die „Special Agents“ zu übernehmen. Andrea Heuser und Karin Fellner, die je eine Hälfte der Klasse betreut hatten, bedankten sich ausdrücklich für die Zusammenarbeit bei Gabriele Lothring, Deutschlehrerin der 9b, die acht Doppelstunden für das Lyrikprojekt zur Verfügung gestellt hat.
„Die Lehrplänge sind sehr dicht, Lyrik kommt oft viel zu kurz“, betonte Andrea Heuser, die als eine der Initiatorinnen des Projektes von Anfang an dabei war, „in einem notenfreien Raum wollen wir die Freude an einem unbefangenen, kreativen Umgang mit Gedichten in die Klassen tragen.“ Ihre „Truppe“ habe sich sehr wacker geschlagen, in puncto Lyrik „sozusagen Blut geleckt“, lobte Karin Fellner, „ich hoffe, dass diese Hemmschwelle gegenüber Lyrik, die immer irgendwie da ist, nun weg ist – dass es gefunkt hat!“. Davon konnten sich die Zuhörer gleich anschließend überzeugen: Da spielten die Schüler/innen einzeln oder in Gruppen den Erlkönig klassisch, „katholisch“ und „in der Werbung“,trugen Themengedichte vor, rezitierten Blackout-Poems, Lautspiele, Haiku und Sprachbilder, lieferten eine dramatische Umsetzung und gaben zum Schluss noch ein selbst vertontes Gedicht mit Gitarrenbegleitung zum Besten.
Der Anstoß für das „Lust auf Lyrik“-Projekt stammt von Franziska Müller-Härlin von der Kontaktstelle Gymnasien der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU). Sie ging von der Beobachtung aus, dass im Bereich der Naturwissenschaften schon seit einiger Zeit Angebote bestehen, die es Jugendlichen erlauben, in wissenschaftlichen Einrichtungen außerhalb der Schule Experimente durchzuführen und dabei selbst „Hand anzulegen“, wie dies in der Schule nicht möglich ist. Damit werde auch eine Chance für eine höhere Motivation und stärkere Akzeptanz dieser Fächer innerhalb der Schule geschaffen. Dies führte Müller-Härlin zu der Frage, was analog dazu in den Sprach- oder Geisteswissenschaften angeboten werden könnte.
Hinzu kam, dass eine spontane Umfrage in verschiedenen Fakultäten der LMU erbrachte, dass die befragten Dozent/innen, quer durch alle Fakultäten, Qualifikationen und Fertigkeiten im Bereich Deutsche Sprache und Fremdsprachen vermissten: in Grammatik, Ausdrucks- und Lesefähigkeit, Rezeption, Zusammenfassung und Wiedergabe von fremden Texten, im Abfassen und Präsentieren von eigenen Texten. So trat Frau Müller-Härlin mit dem Vorschlag an das Münchner Lyrik Kabinett heran, Lyrik in Form eines bislang noch nicht praktizierten Moduls an Schulen zu bringen: Das „Lust auf Lyrik“-Projekt war geboren – sprachliche Kompetenzen können nun in der Beschäftigung mit Lyrik erworben, geübt und verfeinert werden.
„Nach bislang acht ‚Durchläufen’ lässt sich sagen, dass ‚Lust auf Lyrik’ ein großer Erfolg ist“, konstatiert Pia-Elisabeth Leuschner: „Die Schüler haben sich durchweg außerordentlich positiv geäußert, sie hätten einen vollkommen neuen und sie fesselnden Zugang zur Lyrik erlebt, die Dichter und Dichterinnen haben die Arbeit mit den jungen Leuten genossen – und sämtliche Lehrer erachteten es für wichtig und wertvoll, ihren Schülern die Chancen dieser Projekt-Erfahrung ermöglicht zu haben.“
Mehrere Staffeln von „Lust auf Lyrik“ wurden in den vergangenen Jahren vom Kulturreferat der Landeshauptstadt München unterstützt; drei Staffeln im Schuljahr 2009/10 erhielten Förderung durch das Bayerische Staatsministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst; zwei davon, die in Augsburg stattfanden, wurden zudem vom dortigen Schul- und Bildungsreferat gefördert. Aus dem Projekt ist 2007 auch eine Lehrerfortbildung hervorgegangen, bei der Möglichkeiten überlegt und entworfen wurden, wie an bayerischen Schulen eine andere Herangehensweise an Lyrik eröffnet und praktiziert werden könne.
Die öffentliche gemeinnützige Stiftung Lyrik Kabinett hat zum Ziel, die internationale Lyrik-Bibliothek mit derzeit rund 40.000 Bänden in München (Amalienstr. 83a) zu erhalten und weiter auszubauen. Daneben richtet die Stiftung Lesungen und Veranstaltungen zur internationalen Lyrik aus. Etwa die Hälfte sind Autorenlesungen, die andere Hälfte bringt „lebendig gebliebene“ Autoren früherer Generationen zu Gehör. Alle Informationen zu den Angeboten des Lyrik Kabinetts gibt es unter www.lyrik-kabinett.de , unter Tel. 346299 oder per E-Mail: info@lyrik-kabinett.de.