Veröffentlicht am 14.12.2020 11:58

„Ich hab nicht wegschauen können”

Resi Huber (1985). (Foto: pr)
Resi Huber (1985). (Foto: pr)
Resi Huber (1985). (Foto: pr)
Resi Huber (1985). (Foto: pr)
Resi Huber (1985). (Foto: pr)

„Wer für Menschenrechte streitet, wer für die Wahrheit kämpft und den Frieden will, braucht nach dem Sinn und Wert des Lebens nicht zu fragen. Frage und Antwort leben in ihm“, schrieb Resi Huber kurz vor ihrem Tod am 22. März 2000 in München. Am 13. Dezember - dem vergangenen dritten Adventssonntag - wäre Resi Huber 100 Jahre alt geworden. Daran erinnert die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) München, deren aktives Mitglied Huber bis zu ihrem Tod war.

Das eigene Leben für Andere riskiert

Die gebürtige Dachauerin hatte als 22-Jährige ihr Leben riskiert, indem sie Lebensmittel sowie Nachrichten für die ins KZ Dachau Verschleppten ins und aus dem Lager schmuggelte. Sie arbeitete als Bürokraft in der „Kräuterplantage“ des Konzentrationslagers Dachau und wurde so Zeugin der menschenverachtenden Behandlung der Häftlinge, die dort zur Zwangsarbeit eingesetzt wurden. Resi Huber wollte nie „Widerstandskämpferin” genannt werden. Obwohl sie selbst mit ihrer Menschlichkeit ihr Leben riskiert hat, hat sie später immer darauf hingewiesen, welche Opfer die „wirklichen Widerstandskämpfer” gebracht haben. „Aber objektiv gesehen war das, was Resi Huber damals gemacht hat, antifaschistischer Widerstand”, sagte Ernst Antoni, als Resi Huber im März 2000 auf dem Waldfriedhof zu Grabe getragen wurde, „Widerstand gegen ein verbrecherisches Regime in seiner unmittelbaren Form: als praktizierte Solidarität mit den Schwächsten, den Opfern dieses Regimes”.

In Würdigung dieser mutigen Taten wurde Huber posthum ausgezeichnet, als in Sendling 2012 der Resi-Huber-Platz nach ihr benannt wurde.

„Das ist mir mein Leben lang hängen geblieben”

In der „Plantage” erfährt Resi Huber unmittelbar, was Leben und Sterben in einem Konzentrationslager bedeuten - auch wenn ihr ein SS-Mann versichert, der Gestank aus dem Krematorium stamme von einem Hasenstall. Dass sie trotz des großen Risikos für sich selbst den Gefangenen half, war für die 22-Jährige eine Selbstverständlichkeit. „Ich hab da doch nicht einfach wegschauen können”, meinte sie.

„Sie ließ sich von niemandem den Schneid abkaufen”, würdigte Ernst Antoni später ihre mutige Haltung. Resi Huber selbst schilderte es so: „Es ist mir immer so vorgekommen, dass ich in meiner Tasche zu wenig habe, um den Menschen etwas zu geben. Es ist einfach die große Not, die einem da begegnet ist. Einmal lag ein junger Mensch da, das Gesicht so weiß wie Kalk. Und ich hab nichts in meiner Tasche gehabt. Muss vorbei gehen und den da liegen lassen. Das ist mir mein Leben lang hängen geblieben, dass ich da nichts gehabt hab. Die haben die Graserl rausgetan und haben die Wurzeln gegessen”.

Für das Nicht-Vergessen eingesetzt

Es blieb nicht bei der praktischen Solidarität für Häftlinge: Huber beteiligte sich kurz vor der Ankunft der Alliierten in Dachau an der Organisation eines Aufstandes. Ziel war es, die Nazis aus der Stadt zu vertreiben und eine friedliche Übergabe an die Amerikaner zu ermöglichen, ohne weiteres Blutvergießen. Nach 1945 wirkte Huber in Dachau am Aufbau eines Antifaschistischen Ausschusses mit, der dann von den Amerikanern mit den Funktionen eines Stadtrats betraut wurde. Unter Beteiligung aller damaligen antifaschistischen Kräfte – bürgerlich, sozialdemokratisch oder kommunistisch ausgerichtet – entstand ein breites Bündnis.

Gemeinsam mit anderen Widerstandskämpfern und Verfolgten baute Resi Huber am Ammersee eine Erholungs- und Bildungsstätte auf, die nach ihrem zweiten Mann benannte „Otto-Huber-Hütte“ in Breitbrunn. Dort trafen sich viele Jahre lang Gruppen von Gewerkschaften, Jugendorganisationen und diverser politischer Initiativen, um mit Zeitzeugen zu sprechen und sich mit der Nazizeit auseinander zu setzen.

„Mit ihrem ganzen Herzen setzte sie sich für das Nicht-Vergessen ein”, erzählte einmal Helene Sinzinger, die Resi Huber bis zu ihrem Tod freundschaftlich verbunden war, „sie wollte das unbedingt weitertragen und als Vermächtnis an die junge Generation weitergeben”. Mit der in den 90er Jahren „wiedergefundenen Liste” veröffentlichte Huber die Namen von 60 von den Nazis ermordeten Münchner KPD-Mitgliedern und versuchte, ihre Geschichte zu bewahren. Doch noch immer gibt es auf der Liste Namen von Menschen, über die man so gut wie nichts mehr weiß.

Für Huber war der Antifaschismus untrennbar verbunden mit dem Einsatz für Abrüstung. So engagierte sie sich in den Ostermärschen der 50er Jahre gegen die Remilitarisierung der Bundesrepublik und beteiligte sich aktiv an der Friedensbewegung der 1970/80er Jahre.

north