Drei Stunden Hasenbergl – mit anderen Augen oder »blindem« Vertrauen

Hasenbergl · Alles prima – oder nicht?

Selbst so ein ebenerdiger Aufgang kann bei einem Handicap zum Problem werden, fanden Elvan und Seline mit Thomas Schmidt (rechts) heraus.	Foto: em

Selbst so ein ebenerdiger Aufgang kann bei einem Handicap zum Problem werden, fanden Elvan und Seline mit Thomas Schmidt (rechts) heraus. Foto: em

Hasenbergl · Woher wissen Sie eigentlich, in welchen Wertstoffcontainer Sie grünes Glas werfen und in welchen braunes? Wo ein Zebrastreifen es Ihnen ermöglicht, die Straße zu überqueren? Und woher wissen Sie, dass Sie jetzt grünes Licht haben? Die Fragen sind gar nicht so dumm – denn scheinbare Selbstverständlichkeiten können zu einem echten Problem werden, wenn man ein Handicap hat. Blind ist, zum Beispiel. Oder im Rollstuhl sitzt.

Der Kreisjugendring wollte nun wissen, wie zugänglich das Hasenbergl für Körperbehinderte ist – und zugleich Kinder sensibilisieren für mögliche Probleme von Freunden, Mitschülern und Erwachsenen mit einer Behinderung. Einfühlen sollen sie sich können – und Verantwortung übernehmen, sehen, dass sie etwas bewegen können.

Daher stattete Projektleiterin Marie-Luise Hess zwei junge Besucher des Kinder- und Jugendtreffs »Hasenbergl’s Dülfer«, Seline und Elvan, mit einem Rollstuhl sowie mit einem Blindenstock samt Augenbinde bzw. einer Simula­tionsbrille, die dem Träger zehn Prozent Sehkraft lässt, aus. Gemeinsam mit dem Sozialpädagogen Thomas Schmidt, Rollstuhlfahrer, und Martin Weierich, Praktikant des Kinder- und Jugendtreffs, zogen sie los, um ihren Stadtteil aus ungewohnter Perspektive zu erleben.

Die erste Überraschung gab es gleich beim Schritt vor die Haustür: Es gibt zwar keine Stufen, die den Zugang zum Dülfer behindern würden – doch mit einem Rollstuhl macht sich die unebene Pflasterung beim Aufgang zum Kinder- und Jugendzentrum durch unangenehmes Ruckeln bemerkbar. Im Haus sind auch nicht alle Räume mit dem Rollstuhl erreichbar, denn ein Teil, etwa der Werkbereich, ist im Keller untergebracht, und der ist nur über die Treppe zu erreichen. »Einen Aufzug haben wir leider gar nicht«, bedauert die Leitern des Dülfer, Ulrike Hämmerle, »aber zum Beispiel das Kochen findet im Erdgeschoss statt – daran und auch an den Ausflügen könnte man eigentlich schon auch mit einer Körperbehinderung teilnehmen.«

Was bereits gut funktioniere im Kinder- und Jugendzentrum, erzählt Hämmerle, sei das selbstverständliche Mitwirken von Kindern des »Heilpädagogischen Centrums« und der Otto-Steiner-Schule in der Rainfarnstraße bei den Angeboten des »offenen Betriebs«. Die in ihrer geistigen Entwicklung beeinträchtigten Kinder kommen zusammen mit einem Betreuer und entscheiden dann, worauf sie Lust haben – etwa Basketball, Billard oder Kickern.

Ein grundsätzlich positives Bild also – mit Einschränkungen. Das gewannen Seline und Elvan auch vom Stadtteil insgesamt. Besonders im Fokus: Die Blodigstraße. Die U-Bahnstation ist gut zugänglich, an der Kreuzung ist jede Ampel für blinde Fußgänger sowohl mit hör- als auch mit fühlbaren Signalen ausgestattet, die Bordsteinkante ist an allen wichtigen Stellen für Rollstuhlfahrer abgesenkt. Die Probleme liegen oft in Details. So kann man mit dem Rollstuhl zwar gut in die Stadtbibliothek an der Blodigstraße fahren – doch drinnen sind dann nicht alle Bücher zugänglich. Das Team der Bücherei ist allerdings sehr hilfsbereit und den Umgang mit »Behinderten« gewohnt.

Und nach dem Umbau des Zentrums an der Blodigstraße soll ja sowieso alles viel großzügiger werden für die Bücherei…

Auch bei den Automaten der Stadtsparkasse ist auf den ersten Blick alles prima – die Geräte sind auch für Rollstuhlfahrer in der richtigen Höhe und unterfahrbar. Geld abzuheben ist tatsächlich kein Problem – mit ein wenig Übung auch nicht für Blinde, die zwar keine Blindenschrift-Zeichen auf den Tasten des Geldautomaten ertasten können, aber sich anhand einer fühlbaren Markierung der Ziffer 5 in der Mitte des Tastenfeldes orientieren können.

Tückisch wirds allerdings bei allen anderen Geldgeschäften – denn die sogenannten SB-Terminals für Überweisungen, Kontoauszüge etc. kann man nur mit Hilfe des Touch Screens bearbeiten, und das ist weder Blinden noch Rollstuhlfahrern möglich – letztere können den dafür zu flach eingesetzten Bildschirm nicht einsehen. Dieses Problem betrifft aber nicht nur das Hasenbergl, sondern alle Selbstbedienungszentren.

Auch andere Probleme, die die Kinder entdeckt haben, gibt es in jedem Stadtteil: Zebrastreifen zum Beispiel, vor denen zwar im allgemeinen die Bordsteinkante abgesenkt ist, von denen Blinde aber gar nicht wissen, wo es sie gibt – dazu müsste der Bereich neben der Absenkung zusätzlich mit sogenannten »Aufmerksamkeitsfeldern«, die eine starke Riffelung aufweisen, fühlbar sein.

Manchmal erscheint es schon kurios, wie einfach »Barrierefreiheit« zu erreichen wäre und dennoch nicht umgesetzt wird. So sind Wertstoffcontainer, wenn überhaupt, aufgrund des hohen Einwurflochs für Rollstuhlfahrer nur sehr schwer zu benutzen – und für Blinde gar nicht. Denn die Beschriftung, was wo hineingehört, ist nicht in Blindenschrift angebracht. Und da die Container nach jeder Leerung in einer anderen Anordnung wieder aufgestellt werden, kann man sich noch nicht einmal merken, welcher Behälter an welcher Stelle steht.

Wie gesagt, viele der genannten Probleme kennt nicht nur das Hasenbergl. Doch nachdem die Kinder ihre Erfahrungen über den Kreisjugendring an den Bezirksausschuss Feldmoching-Hasenbergl weitergeben, werden ja vielleicht zumindest einige davon hier ­gelöst. Eva Mäkler

Artikel vom 18.08.2009
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