Erinnerung im Pausemodus

Weiße Rose: Erinnerungsort am Ostbahnhof muss warten

Werner Thiel vor der Erinnerungstafel an dem historisch bedeutsamen Zaun im Jahr 2013, kurz nachdem sie angebracht worden war.	Archivfoto: Julia Stark

Werner Thiel vor der Erinnerungstafel an dem historisch bedeutsamen Zaun im Jahr 2013, kurz nachdem sie angebracht worden war. Archivfoto: Julia Stark

München · Es bedarf viel Mut, um das zu tun, was die Mitglieder der Widerstandsgruppe »Weiße Rose« 1942 und 1943 getan haben. Sich in der Heimat gegen den mächtigen Unterdrücker auflehnen, immer in dem Bewusstsein, einen offenen Widerstand mit dem Leben zu bezahlen.

Also gingen Hans und Sophie Scholl, Alexander Schmorell, Willi Graf, Christoph Probst und Kurt Huber im Geheimen vor. Sie wurden auf frischer Tat ertappt, verhaftet und in zwei Schauprozessen zum Tode verurteilt. Am 22. Februar 1943, also vor 75 Jahren, wurden die Geschwister Scholl und Christoph Probst im Gefängnis Stadelheim durch das Fallbeil hingerichtet. Ermordet von einem verbrecherischem Regime, das nicht in der Lage war, mit seinen Kritikern und Gegnern auf andere Art umzugehen, als sie zu töten.

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Sie sind bis heute unvergessen, werden für ihre Tapferkeit im Angesicht des Todes bewundert. Auch wenn sich alle Mitglieder der Widerstandsbewegung gleichermaßen verdient gemacht haben, so ist Sophie Scholl doch das Gesicht der Weißen Rose. Ein Gesicht, das auch auf einem historischen Foto zu sehen ist. Das Foto entstand im Sommer 1942 am Münchner Ostbahnhof. Der Urheber: Jürgen Wittenstein, selbst aktiv im Umfeld und im Namen der Weißen Rose. Sein Foto zeigt Hans Scholl, Willi Graf und Alexander Schmorell sowie eine sichtlich fröhliche Sophie Scholl, die ihren Bruder und dessen Kommilitonen am Ostbahnhof zum Einsatz an der Ostfront verabschiedet. Das Bild zeigt noch mehr, nämlich einen Metallzaun, über den sich Sophie Scholl lehnt. Dieser unscheinbare Metallzaun steht noch heute an der Orleansstraße. Das Bild macht ihn zu einem historischen Ort.

Ein historischer Ort, an dem Werner Thiel aus Greven im Emsland gerne ein Stück Erinnerungskultur für die Weiße Rose sähe. Bis 2009 hat Thiel in München gelebt. Er hat die Stelle, an der Sophie Scholl stand, anhand eines weiteren Fotos genau ausfindig gemacht. Er hat mehrere Jahre darum gekämpft, den Ort zum Erinnerungsort zu machen. An seiner Seite stand und steht der Bezirksausschuss Au-Haidhausen und auch wenn man bei der Stadtverwaltung München skeptisch war, so hat man das Engagement aus der Bürgerschaft doch nicht verhindern wollen. Im Gegenteil.

2013 wurde nach zähem Ringen eine Erinnerungstafel angebracht – und drei Jahre später wieder entfernt. Sie war beschädigt und entsprach nicht mehr der Würde des Erinnerungsgedankens. Bis heute wurde sie nicht mehr angebracht. Sehr zum Unwillen von Werner Thiel, der dem Stadtrat unterstellt, der Auseinandersetzung mit der Rolle Münchens zur Zeit des Nationalsozialismus auszuweichen. Der Grund, warum sich an dieser Stelle nichts tut, ist nach Aussage von Jennifer Becker vom Kulturreferat ein ganz anderer. Im Zuge der anstehenden Bauarbeiten rund um den Ostbahnhof – Werksviertel und Zweite Stammstrecke – wolle man keine Gedenktafel anbringen, die dann mehrfach umgesetzt werden müsse. Viel mehr sprach sie von der Unterstützung der Stadt für das bürgerschaftliche Engagement auch aus dem Bezirksausschuss. »Der Zaun wird als Originaldokument gesichert und eingelagert«, bestätigt Becker.

Dieses Vorgehen sei im Sinne der Sache. Sie stellt in Aussicht, dass nach den Bauarbeiten ein dauerhafter Erinnerungsort an dieser Stelle entstehen werde. Erinnerung sei jedoch nicht, wie Becker betont, »wenn man ein Täfelchen hinschraubt. Wir setzen auf lebendige Erinnerungskultur«, zum Beispiel mit Veranstaltungen zu den Themen Widerstand und Weiße Rose, aber auch mit der Aufnahme des Ortes in den Kulturgeschichtspfad.

Den Ort betreten, den vor 76 Jahren Sophie Scholl betreten hat

Für Werner Thiel hängt noch etwas mehr daran, nämlich sein Versprechen gegenüber Jürgen Wittenstein für den Erinnerungsort an der Orleansstraße zu kämpfen – umso mehr, da Wittenstein 2015 im Alter von 96 Jahren gestorben ist. Thiel setzt bei seiner Vorstellung von Erinnerung und Gedenken ganz auf die Kraft des Bildes.

»Ich sehe in den Fotos und der Örtlichkeit etwas vielleicht Didaktisches. Die modernen Medien sind alle stark bildlastig. Fotos und Handyvideos sind wichtiger als Texte und Erläuterungen. Dafür bietet der Zaun zusammen mit den Bildern von Herrn Wittenstein eine gute Grundlage, für eine Identifikation mit den Aktiven der Weißen Rose. Bildlich gesprochen können Jugendliche den historischen Ort ›betreten‹, an dem vor fast 76 Jahren Sophie Scholl ihre Tasche aufhing und mit ihrem Bruder und den Freunden sprach, lachte und in die Kamera winkte.«

Werner Thiel bescheinigt dem bewussten Foto eine positive Grundstimmung, die motivieren könne – anders als die meisten anderen Orte oder Bilder der Weißen Rose, die im Zusammenhang mit der tragischen Geschichte ihrer wichtigsten Persönlichkeiten überwiegend Tod, Trauer und Trübsinn ausstrahlen.

Das bedeutsame Datum des 75. Todestages wird ohne den Erinnerungsort an der Orleansstraße vergehen. Allerdings, so Jennifer Becker: »Man kann München nicht vorwerfen, sich zu wenig mit den Geschwistern Scholl zu beschäftigen.« Und so wird es wohl auch noch eine ganze Weile bleiben. Von Carsten Clever-Rott

Artikel vom 09.02.2018
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