Albrecht Ackerland über das Sechzger-Stadion

München - „Da schau her“

Falls ich Sie jetzt gleich in Ihrer Ehre verletzen sollte, entschuldige ich mich! Sicher ist die Gegend, in der Sie wohnen, schön und angenehm und lebenswert. Aber: das beste Stadtviertel der Welt ist und bleibt Giesing. Schöne Häuser, ein paar Bausünden, in manchen Straßen sogar ein paar mehr, eine gute Mischung aus Jungen, Alten, Singles, Familien, Zuwanderern.

Viele Menschen, die in Giesing leben, sind hier aufgewachsen, auf der Tegernseer Landstraße trifft man so manches alte Mutterl, das in ihrem Leben kaum aus Giesing rauskam. Allein die Straßennamen im besten Teil des Viertels nahe der Bergkante sind schon ein Traum: Alpenstraße, Watzmannstraße, Schlierseestraße, Zugspitzstraße. Was will der von Natur aus alpinistisch veranlagte Bayer mehr?

Sicher: auch das Westend oder Sendling haben eine gesunde Bewohnerstruktur, die nicht nur aus geleckten Polohemden-Trägern besteht, die sich so richtig als Münchner fühlen, wenn sie die Armani-Sonnenbrille ins gegelte Haar stecken.

Was aber unterscheidet die wirklich schöne Gegend um die Kazmairstraße von Giesing am Berg? Was gibt dem ganzen Viertel eine Seele allein schon durch seine Anwesenheit, durch seine Geschichte? Man müsste es eigentlich gar nicht hinschreiben, Sie wissen es längst: das Stadion. „Stadion an der Grünwalder Straße“: Das sagt natürlich kein Mensch. Und auch, wenn der wirklich zu betrauernde, kaputtgemachte Verein längst nicht mehr dort spielt: Das Sechzger bleibt das Sechzger. Ein echtes Stadion, wie es zu sein hat. Mitten in einer Wohngegend. Ein Stadion, das man so schnell erreicht, dass das Weißwurstwasser zuhause mindestens noch bis zur Halbzeit warm bleibt. Ein Stadion, in dem große Spiele gespielt und große Siege erspielt wurden. Und große Niederlagen. Schließlich: ein Kulturdenkmal! Architektonisch sicher keine Meisterleistung, wohingegen die Arena wie das Olympiastadion eine ästhetische Pracht liefern. Und doch: das einzige richtige Stadion Münchens.

Dass irgendwer das Stadion abreißen will, ist absurd. Es gehört ebenso zur Stadt wie der Viktualienmarkt oder der Stachus. Es ist ein Kulturdenkmal. Und: einem ganzen Viertel würde Seele und Herz herausgerissen – wenn Letzteres auch längst nicht mehr richtig pocht. Aber Sie können helfen, es wieder zum Leben zu erwecken: Gehen Sie ins Stadion, die Sechzger spielen schließlich noch immer dort, wenn auch nur mit der zweiten Mannschaft. Trotzdem aber lohnt es sich, hinzugehen: Der Atmosphäre wegen. Des Kulturdenkmals wegen. Und, schon auch: der Sechzger wegen.

Wer auch nur den leisesten Gedanken hegt, das Bauwerk wegzubrechen, der liebt München nicht, der kennt München nicht, dem ist an München nichts gelegen. Auch als Bayern-Fan kann man das sehr leicht begreifen.

Artikel vom 19.04.2007
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