Syrische Familie genießt Patenschaft

Ottobrunn · Mit offenen Armen…

Amir hat mit Hilfe von Adelinde Gollwitzer sprechen gelernt: Sein erstes Wort war »Nase«. 	Foto: MO

Amir hat mit Hilfe von Adelinde Gollwitzer sprechen gelernt: Sein erstes Wort war »Nase«. Foto: MO

Ottobrunn · »Hallo Linda!«, rufen vier Buben im Alter von drei bis neun lauthals aus dem Fenster, als sie Adelinde Gollwitzer kommen sehen. Ein Lächeln breitet sich auf dem Gesicht der Ottobrunnerin aus und sie winkt den Kindern zu.

Adelinde Gollwitzer ist Patin einer syrischen Flüchtlingsfamilie, die seit fünf Monaten in Ottobrunn ist – und sie hat in dieser Zeit viel mit ihr erlebt.

An der Wohnungstür warten nun auch Vater Achmed und Mutter Basima mit offenen Armen auf sie. »Für die Familie bin ich Linda, das ist leichter zu sagen als Adelinde«, schmunzelt die Patin. Kaum sitzen alle am Tisch, bringt Basima Teller für Teller mit verschiedenen arabischen Speisen: Lammfleisch, Gemüse, Reis, geröstete Nüsse, Kartoffeln, Sauerrahmsoße und Fladenbrot mit Dip. »Das ist fast jedes Mal so, wenn ich komme. Immer bieten sie mir etwas an. Die Familie ist so gastfreundschaftlich«, erzählt Adelinde Gollwitzer. »Wir mögen einander sehr.« Und das, obwohl die Verständigung nicht ganz einfach ist. Die Unterhaltung läuft über einzelne Wortfetzen, Hände und Füße. Inzwischen können die Kinder mehr und mehr helfen. Die drei Großen – Mohamed, Soltan und Wisan – sind in der Übergangsklasse der Grundschule an der Lenbachallee und lernen dort vor allem Deutsch und Mathe. Der dreijährige Amir hat seit kurzem einen Kindergartenplatz; nur Omar mit eineinhalb Jahren ist noch zuhause. Damit die Kinder weiter Fortschritte beim Deutsch-Lernen machen, kommt Adelinde Gollwitzer einmal in der Woche zur Hausaufgabenbetreuung und spricht ansonsten mit den Kindern viel auf Deutsch.

Tritte und Schläge in Syrien

Mutter Basima würde auch gerne einen Deutschkurs machen, aber sie hat derzeit zu wenig Kraft dafür: Die erneute Schwangerschaft ist anstrengend. Deshalb braucht sie auch ihren Mann zur Unterstützung zuhause, vor allem, wenn eines der Kinder krank ist. Basima hat darüber hinaus immer noch Schmerzen am Hinterkopf und

Nacken. Die syrische Polizei verpasste ihr in Damaskus Tritte und Schläge, weil sie verwundete Regimegegner in ihr Haus mitnahm und sich um sie kümmerte. Drei Tage war sie auf der Polizeistation – kein Essen, kein Trinken, nur Schläge. Ihr Mann Achmed, Restaurantbesitzer und Koch, konnte Basima gegen viel Geld freikaufen. Als sie zu ihrem Haus zurückkamen, war es niedergebrannt. Da wussten sie: Wir müssen hier weg!

Auf der Flucht durchquerten sie Jordanien, Ägypten und Libyen. Omar wurde in Tripolis geboren. Die ungewisse Reise ging weiter mit einem viel zu kleinen Boot, das sie über das Mittelmeer brachte. Achmed erzählt, dass sie als Syrer auf dem Boot angefeindet wurden. Mohamed, der älteste Sohn, kann sich noch gut an die Beschimpfungen und Schläge erinnern.

Bomben machten sprachlos

Auch am dreijährigen Amir ist das Leben im Krieg mit Bomben und Gewalt nicht spurlos vorüber gegangen. Bis vor kurzem sprach er kein einziges Wort. Die Familie und ihre Patin machten sich Sorgen. Adelinde Gollwitzer sprach besonders viel mit Amir. Einmal zeigte sie auf seine Nase und sagte »Nase«. Auf die Frage »Amir, was ist das?« – sagte er plötzlich »Nase«. Da staunten Eltern und Geschwister nicht schlecht. Amirs erstes Wort war auf Deutsch!

Inzwischen hat sich die Familie – dank der Unterstützung des Helferkreises Asyl – in Ottobrunn eingelebt. Alle sind als Flüchtlinge anerkannt und fühlen sich sicher. Ihr größtes Problem momentan ist die zu kleine Wohnung für die bald achtköpfige Familie. Aber auch hier ist Adelinde Gollwitzer unermüdlich im Einsatz, um bald Abhilfe zu schaffen. MO

Artikel vom 18.12.2014
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