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Aktuelles - 21.01.2010
SamstagsBlatt

München · Die Augen ausbreiten

Deutsche Gesellschaft für Schnell-Lesen gegründet

Marianne May liest. Das Buch liegt aufgeschlagen auf dem Tisch, drum herum sind drei Spiegel verteilt. Mittels derer Peter Rösler und Moritz Thiele die Augenbewegung bei Marianne May beim Lesen verfolgen. Um herauszufinden, ob May ein „Natural Speed Reader“, also eine „natürliche Schnellleserin“ ist. Nach einigen Lesetests mit Marianne May steht für Peter Rösler fest, dass die 67-Jährige zumindest eine Kandidatin zum „Natural Speed Reader“ ist.

Marianne May liest. Moritz Thiele stoppt die Zeit. Über die Spiegel auf dem Tisch beobachtet Thiele die Augenbewegungen der Leserin. Diese werden außerdem von einer Videokamera aufgenommen. So lässt sich messen, ob May ein „Natural Speed Reader“ ist. Foto




Die magische Grenze, die in Sachen Schnell-Lesen die Spreu vom Weizen trennt, liegt bei zirka 600 Wörtern pro Minute. Wer so viel Wörter schaffe, dann noch den Text verstanden und das Lesen auf Geschwindigkeit nicht etwa in einem Kurs gelernt habe, zähle zu den „natürlichen Schnelllesern“, erklärt Rösler. Die Geschwindigkeit eines durchschnittlichen Lesers beträgt ungefähr 200 bis 250 Wörter pro Minute. Um das Schnell-Lesen zu fördern und zu erforschen haben sich der Bogenhausener Informatiker Peter Rösler und bundesweit sechs weitere Personen entschlossen, einen Verein zu gründen: Die Gründungsversammlung der „Deutschen Gesellschaft für Schnell-Lesen“ findet am heutigen Samstag in Peter Röslers Wohnzimmer statt.

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Mit von der Partie im Verein ist auch Gymnasiast Moritz Thiele aus Vaterstetten. Der 18-Jährige ist zufällig mit dem Thema in Berührung gekommen: im Deutschunterricht in der zehnten Klasse und bei einem Vortrag Röslers in der Firma, in der Moritz` Vater arbeitet. Jetzt interessieren ihn vor allem die „Natural Speed Reader“. Für seine Facharbeit zum Thema Schnell-Lesen im Leistungskurs Englisch hat Thiele bereits zwei natürliche Schnell-Leser auf ihre Fähigkeiten getestet. Der Gymnasiast ist vor allem fasziniert davon, wie sich diese Personen ihr ganz eigenes System, ganze Buchseiten in kürzester Zeit zu überfliegen, angeeignet haben: „Die lesen zum Beispiel eine Seite in drei Abschnitten, springen aber in diesen Sequenzen wild hin und her.“

Dabei steckt laut Peter Rösler hinter erlerntem und trainiertem Schnell-Lesen tatsächlich Methode: Als Übung werde der Zeigfinger entweder im so genannten Slalomfingerschwung, also in Schlangenlinien, oder eher im Zickzack beim Schleifenfingerschwung über die Seite geführt. Das Auge folgt dem Finger und nimmt alle Worte in einem bestimmten Radius um den Finger herum wahr. Marianne May, die erst durch die Presse von den Schnell-Lesern erfahren hat und somit auch die Fachausdrücke vorher nicht kannte, beschreibt ihre Fähigkeit mit „beim Lesen die Augen ausbreiten“. Das normal schnelle Lesen, bei dem das Auge von Wort zu Wort springt, ist für May „Nähmaschinentaktik“.

Tatsächlich beschreibt May mit „Augen ausbreiten“ eines der Kriterien, die beim Schnell-Lesen nötig sind: Im Fachjargon spricht man von „flächig sehen“. Das heißt, alle Wörter aus der Zeile aufnehmen, auf der das Auge gerade ruht, plus zusätzlich alle Wörter, die in den zwei Zeilen darunter und darüber stehen. Die wichtigste Voraussetzung für das Schnell-Lesen ist es aber, das gedankliche Mitsprechen der Wörter ausblenden zu können. Das muss trainiert werden. Sobald das dann wegfällt, muss ein Schnell-Leser außerdem in der Lage sein, den Sinn eines Wortes über das rein optische gedruckte Wortbild im Gehirn umzusetzen.

Rösler selbst ist kein „Natural Speed Reader“. Trotzdem hat ihn das Thema gepackt, nachdem er vor einigen Jahren einen Schnelllese-Kurs an einem Münchner Bildungsinstitut besucht hat. Dabei hat er seine Geschwindigkeit von den normalen 200 bis 250 Wörtern pro Minute aber zunächst nur auf rund 450 verdoppelt. Weiter gesteigert hat sich Rösler dann durch Stunden bei Privattrainern. Heute kann der Informatiker aus Bogenhausen „variabel schnell lesen“. Will er den Inhalt möglichst genau aufnehmen, liest er mit einer Geschwindigkeit von ungefähr 1800 Wörtern pro Minute. „Ich kann aber auch mit zirka 5000 Wörtern pro Minute über einen Text gehen, dann verstehe ich vom Inhalt zirka ein Drittel.“ Rösler nennt diese Anpassung seiner Fähigkeit an die jeweiligen Bedürfnisse „Lesemanagement“. Das Schnelllesen helfe vor allem beruflich, wenn man sich Inhalte schnell aneignen müsse.

Die frühere Bankkauffrau Marianne May hat das gemerkt, als sie bei der Arbeit einmal einen Schulungstest absolviert hat. Sie hat ihn innerhalb von 37 Minuten bewältigt, während alle anderen Kollegen jeweils die vollen 120 Minuten Zeit dafür benötigt haben. Ein Stolperstein beim Schnell-Lesen ist es schon manchmal, dass man Inhalte nur teilweise erfasst. So erzählt May etwa, dass sie in der Schule bei der Lösung von Textaufgaben in Mathe ganz schlecht war: „War die Zeit gefragt, in der ein Zug von A nach B fährt, habe ich die Schuhgröße der Oma herausbekommen.“ Rösler nickt verständnisvoll.

Das sei eben der Nachteil, wenn man beim Schnell-Lesen vom Text nicht die vollen 100 Prozent mitbekomme. Der Informatiker und auch Moritz Thiele sind nun gespannt, was sich nach der Vereinsgründung in Sachen Schnell-Lesen weiterhin tut. Thiele ist vor allem interessiert daran, ein Kind zu finden, das zu den „Natural Speed Readern“ zählt. Denn dann könne man genau erforschen, wie es sich das Schnell-Lesen selbst beigebracht habe. „Erwachsene erinnern sich meist nicht mehr daran.“ Interessierte, egal, ob sie schnell lesen können oder nicht, können mit Peter Rösler unter der Telefonnummer 0 89/9 10 29 56 Kontakt aufnehmen. von Kirsten Ossoinig



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