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Aktuelles - Artikel vom 14.01.2010

München · „Altersarmut kann jeden treffen“

2020 benötigen 24.000 Rentner Grundsicherung

Nüchtern zählt die 85-jährige Rentnerin auf, welche Gegenstände sie aus ihrem Besitz verkaufen kann, wenn ihr demnächst das Geld zum Leben nicht mehr reicht: „Ich hätte noch einen schönen Teppich und Schmuck. Neulich habe ich schon einen Armreifen verkauft. Auch mein Fahrrad ist schon weg.“ Im Bericht möchte sie lieber anonym bleiben. „Mich kennen viele Leute, und die müssen nicht alle wissen, wie es um mich steht“, erklärt die Münchnerin, die mit „weit unter 1.000 Euro pro Monat“ auskommen muss.

Unternehmerin Lydia Staltner hat 2003 den gemeinnützigen Verein „Lichtblick Seniorenhilfe“ gegründet. Derzeit betreuen sie und ihre Kolleginnen rund 1.200 fast mittellose Rentner. Foto: SE

Keine Sozialversicherung

Nur 15 Berufsjahre lang konnte sie in die Rentenkasse einzahlen. Das Altengeld fällt entsprechend gering aus. Lange Zeit war sie Hausfrau, hat ihre Kinder großgezogen. „Fünf Jahre habe ich bei meinem Mann im Geschäft gearbeitet. Der wollte nicht, dass ich mich bei der Sozialversicherung melde. Die Lebensversicherung würde für uns beide reichen, meinte er.“ Dann kam die Scheidung.

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Auch eine andere Seniorin, 81 Jahre alt, ist geschieden. Sie hat nie Kinder bekommen. Angehörige hat sie auch nicht mehr. „Ich habe zwar die beiden Kinder meines Mannes großgezogen, doch die wohnen seit der Scheidung wieder bei ihrer leiblichen Mutter“, erzählt die Rentnerin. Als sie 15 Jahre alt war, musste sie mit ihrer Familie, die in Preußen wohnte, durch die Kriegswirren flüchten. „So hat meine Familie alle Ersparnisse verloren und wir sind dafür nie finanziell entschädigt worden.“ Später in ihrem Arbeitsleben hat sie meist nur Posten besetzt, bei denen sie wenig in die Rentenkasse eingezahlt hat. Ihre geringen Ersparnisse sind heute aufgebraucht: Sie hat damit Zahnarztrechnungen beglichen und sich nach ihrer Hüftoperation verschiedene Hilfsmittel wie einen erhöhten Toilettensitz gekauft, die von der Krankenkasse nicht übernommen wurden. Wenn sie Geld hätte, würde sie sich zuerst neue Schuhe anschaffen. Die braucht sie dringend.

„Armut kann heute jeden treffen“, meint Friedrich Graffe, Leiter des Sozialreferats der Stadt München. Das sei glücklicherweise den meisten Bürgern bewusst. Bis 2020 wird sich die Zahl der Menschen, die Grundsicherung im Alter benötigen, um mehr als das Doppelte auf 24.000 erhöhen, schätzt das Sozialreferat. „Der Vorwurf, Armut sei selbst verschuldet, ist zum Glück so gut wie verschwunden“, sagt Graffe. Doch vor allem für das Thema Altersarmut scheint es nach wie vor schwer zu sein, Menschen zu sensibilisieren.

Diese Erfahrung hat zumindest Lydia Staltner, Vorstandsvorsitzende des Vereins „Lichtblick Seniorenhilfe“, gemacht: „Alter ist einfach kein schönes Thema. Eigentlich wollen wir in unserem Alltag darüber nicht nachdenken oder reden, denn schließlich betrifft es auch uns selbst irgendwann.“ Die Unternehmerin hat 2003 den gemeinnützigen Verein gegründet, der armen Senioren, die unverschuldet ins soziale Abseits geraten sind, unbürokratisch unter die Arme greift.

Derzeit unterstützt der Verein mehr als 1.200 Rentner in München und Bayern. Die Unterstützung sei dabei nicht nur finanziell, der Verein versuche auch, die Senioren aus ihrer persönlichen Isolation zu befreien. „Zur finanziellen Krise kommt meist eine schwierige persönliche und soziale Lage hinzu“, berichtet Staltner. „Man geht einfach seltener vor die Tür und unternimmt nichts mehr, wenn man Geldsorgen hat. Mal eben mit Freunden Kaffee trinken und Kuchen essen, ist da nicht drin“, meint Staltner.

Finanzielle Soforthilfe für Bedürftige

Um diesem Schicksal entgegen zu wirken, organisiert der Verein „Lichtblick Seniorenhilfe“ mehrmals im Monat kostenlose Veranstaltungen für die Senioren. Finanzielle Soforthilfe für bedürftige Rentner gibt es zum Beispiel für Lebensmittel, Kleidung, Möbel, elektrische Geräte oder orthopädische Matratzen. Zudem zahlt der Verein Eigenanteile an Gehhilfen, Hörgeräten oder dringend benötigten Medikamenten. Finanziert wird die Hilfe aus Stiftungsmitteln und Spendengeldern. Manchmal treffen von Unternehmen auch Sachspenden, wie Fernseher, Körperpflegemittel oder Päckchen mit Lebkuchen ein und werden an die Senioren verteilt.

Trotz der unbürokratischen Arbeitsweise, der sich die Mitarbeiterinnen des Vereins verschrieben haben, prüfen sie natürlich genau, zum Beispiel anhand des Renten- oder Grundsicherungsscheins, ob ein Rentner auch wirklich bedürftig ist und die Hilfe des Vereins benötigt. „Unser Anliegen ist ja, dass die Spendengelder gerecht verteilt werden“, erklärt Staltner.

Weitere Informationen und Kontaktdaten zum Verein „Lichtblick Seniorenhilfe“ gibt es im Internet unter www.lichtblick-sen.de. Von Sabrina Eisele





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