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Aktuelles - 15.03.2007
SamstagsBlatt

München wird „vergoogelt“

Google scannt eine Million Münchner Bücher – Verlage fürchten um ihr Geschäft

Zentrum - Die bayerische Staatsbibliothek (BSB) in der Ludwigstraße wird Partner von „Google Book Search“, dem Digitalisierungsprojekt des Internetriesen. Eine Million Werke der Staatsbibliothek werden von dem US-Konzern eingescannt und im World Wide Web veröffentlicht. „Wir öffnen unsere Bibliothek buchstäblich der ganzen Welt“, verkündet Bibliotheks-Chef Rolf Griebel.

Eine Million Bücher aus der Bayerischen Staatsbibliothek will der Internet-Gigant Google online anbieten – Kritiker sind entsetzt. Foto: Gecko Wagner, Montage: Clash




Damit sind die Münchner die Ersten in Deutschland, die sich mit Google verbünden.

Dass andere sich bisher zurückhalten, hat seine Gründe. Denn Bibliothekare und Verlage weltweit üben teils drastische Kritik an Googles Bücherscannen, die Vorwürfe reichen vom Schädigen wertvoller, alter Bücher bis hin zur Missachtung der Urheberrechte heutiger Autoren.

Auch ganz grundsätzlich kritisieren Kenner die milliardenschwere Internetfirma aus Kalifornien. Dass ein so großes Kulturprojekt unter Federführung eines Großkonzerns steht, eines amerikanischen zumal, weckt Befürchtungen. Als schärfster Kritiker hat sich Jean-Noel Jeannenay hervorgetan, der Chef der französischen Nationalbibliothek. Ihm missfällt einerseits der kommerzielle Hintergedanke von Google. Andererseits fürchtet Jeannenay, dass der Konzern einer rein anglo-amerikanischen Sicht auf die Literatur Vorschub leistet.

Das sieht die Staatsbibliothek anders: „Wir sorgen mit unserer Kooperation gerade dafür, dass das europäische Kulturgut dort vertreten ist“, rechtfertigt sich Griebel. Für ihn macht die Kooperation mit Google auch aus konservatorischer Sicht Sinn: Einerseits wird durch die Digitalisierung der Inhalt einiger vom Verfall bedrohter Werke für die Nachwelt erhalten - andererseits müssen durch die virtuelle Alternative Bücher seltener im Original benutzt werden, was die teils wertvollen Exemplare zusätzlich schont.

Ein weiterer strittiger Punkt an „Google Book Search“ ist der Kritikern zufolge laxe Umgang mit dem Urheberrecht. Die französische Verlagsgruppe „La Martinière“ hat soeben Klage gegen Google eingereicht, der Vorwurf: „Piraterie“, also Diebstahl geistigen Eigentums. Auch der amerikanische Verlegerverband versucht, das Google-Projekt gerichtlich zu stoppen.

Solche Scherereien soll es mit den BSB-Büchern angeblich nicht geben. In den Münchner Google-Scanner kommen nur Werke, die nicht mehr dem Urheberrecht unterliegen, deren Autoren also vor mindestens 70 Jahren verstorben sind, versichert BSB-Sprecher Manfred Hank. „Außerdem entscheiden wir, welche Bücher wir weitergeben“. Raritäten und kostbare Handschriften sowie Inkunabeln, also gedruckten Schriften aus der Frühzeit des Buchdrucks, würden gar nicht herausgegeben.

Für Wolf-Dieter Eggert, Landesvorsitzender des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, ist das kein Trost. Er weist darauf hin, dass auch das Digitalisieren von Werken mit erloschenem Urheberrecht mit den Interessen der Verlage kollidiert. „Auch mit lange verstorbenen Autoren wie Goethe und Schiller wird noch Geld verdient“, erklärt Eggert. Geld, das den Verlagen künftig fehlt. Er befürchtet zudem, dass durch das Online stellen der urheberrechtsfreien Bücher ein Druck auf Verlage entsteht, auch geschützte Bücher zur Verfügung zu stellen. Den Google-Deal sehen die Verlage auf jeden Fall skeptisch.

Google-Mann Jens Redmer findet deren Sorgen unbegründet: Die Büchersuche schädige die Verlage nicht, „wir sorgen im Gegenteil dafür, dass die Bücher erst gefunden werden.“ Einen direkten Gewinn verspricht sich seine Firma angeblich nicht von dem Projekt. „Die Buchsuche ist für uns kein unmittelbares Profit-Center“, erläuterte Redmer in bestem Wirtschaftsdeutsch. Es sei ein Imageprojekt, das sich erst langfristig bezahlt mache, indem es die Google-User stärker an das Unternehmen binde.

Wieviel Geld Google in die Hand nehmen muss, darüber verlor Redmer auch nach mehrmaligem Nachfragen kein Wort. Nur von einer Summe „in Millionenhöhe“ ist die Rede – was immer das bedeutet. Die Staatsbibliothek erhält davon jedoch nichts. „Es fließt kein Geld“, versichert ihr Sprecher Hank, „Google arbeitet auf eigene Rechnung“. Profitieren soll die Bibliothek trotzdem. „Wir erhalten von jedem Buch eine digitale Kopie“, sagt Hank. Das würde sonst pro Buch 40 bis 50 Euro kosten. „Nehmen sie das mal eine Million – soviel Geld würden wir von der öffentlichen Hand niemals bekommen“.

Ungewiss ist, wie viel Zeit die Digitalisierung des Büchereibestands in Anspruch nehmen wird. Die Erfahrung zeigt jedoch: Bis die Münchner Bücher weltweit abrufbar sind, wird es Jahre dauern. Im Herbst 2004 schloss Google die Verträge mit den ersten Bibliotheken ab - vollständig online ist bis heute noch keine. Von Martin Hoffmann



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