Uneinigkeit über Kunstprojekt – München nicht mit anderen Städten vergleichbar

Maxvorstadt · Anstoß an »Stolpersteinen«

Maxvorstadt · Seit zwei Jahren streiten die Münchner über kopfsteinpflastergroße Würfel, an deren Oberseite eine Messingplatte verankert ist – über die so genannten »Stolpersteine«. Bundesweit sollen sie an das Schicksal von Opfern der Nationalsozialisten erinnern – und nach dem Wunsch der Initiative »Stolpersteine München« auch bald in der Bayerischen Landeshauptstadt vor den ehemaligen Wohnungen der in der NS-Zeit Ermordeten eingesetzt werden.

Münchens Gedenken der Opfer des Nationalsozialismus
Tafeln statt Stolpersteine: Münchens Gedenken an Nazi-Opfer
Themenseite gegen das Vergessen: Auflistung aller ermordeter Juden aus München auf Tafeln und Stelen

So auch vor Häusern an der Maximilianstraße, der Königin- und Theresienstraße: Hier wohnten jüdische Familien, bis sie in der Zeit ab 1938 verschleppt wurden.

Der Bezirksausschuss Maxvorstadt (BA 3) beäugte diese Idee auf seiner jüngsten Sitzung sehr skeptisch – und kam dem Wunsch der »Stolperstein«-Initiative zunächst nicht nach, die U-Bahn- Galerie am Königsplatz für eine Ausstellung der Erinnerungsobjekte zur Verfügung zu stellen; die endgültige Entscheidung hierzu soll allerdings erst in der März-Sitzung gefällt werden. Kirsten Bärmann-Thümmel (Grüne) gab zu bedenken, dass eine ähnliche Ausstellung erst im vergangenen Sommer stattgefunden habe. Deswegen sei mit Widerstand bei den Passanten zu rechnen.

Der BA-Vorsitzende Klaus Bäumler (CSU) betonte dagegen, dass die Steine dazu beitragen würden, »an das individuelle Schicksal der Opfer zu erinnern.« Dennoch wolle er dem Stadtrat keineswegs widersprechen: Dieser und die Israelitische Kultusgemeinde nämlich sehen in dem Vorhaben, praktisch durch die Bank, eine Verunglimpfung des Andenkens an die Verstorbenen: Daher hatten die Rathauspolitiker einen Antrag der Initiative auf Genehmigung des künstlerischen Projekts im Juni 2004 mit breiter Mehrheit abgelehnt.

Immer noch allerdings macht sich der Widerstand quer durch die Fraktionen breit: Michael Leonhardt (SPD) verweist darauf, dass München sehr sensibel mit der Aufarbeitung seiner Vergangenheit umgehe: »Es gibt die Gedenkstätten im Alten und im Neuen Rathaus und es gibt jährliche, sorgsam geplante Gedenkfeiern.« Von München sei der Nazi-Schrecken ausgegangen, hier lebten jüdische Bürgerinnen und Bürger, »die in ganz besonderer Weise von der NS-Herrschaft betroffen waren«. Deswegen könne die Stadt nicht mit anderen deutschen Orten verglichen werden, an denen ebenfalls »Stolpersteine« stehen: Jene führten zu einer Banalisierung der Geschichte: »Sie können Gefühle verletzen, und zwar massiv.«

Noch deutlichere Worte findet die Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde, Charlotte Knobloch: Der Kölner Künstler Günter Demnig, der die Steine entworfen und sie seit zehn Jahren in 88 deutsche Städte eingepflastert hat, habe nicht die Vergangenheit erlebt, »die wir haben, die auch ich habe, als Menschen mit Füßen getreten worden sind. Soll das wieder entstehen, dass Menschen, die schon einmal unendliches Leid erfahren haben, wieder mit Füßen getreten werden?« Rafael Sala

Artikel vom 07.03.2006
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