Wie packt man ein Problem an? Bevor es entsteht!

Lohhof · Fußbälle nach Ghana

Jetzt dürfen die Dorfbewohner die Fußbälle aufblasen, die Trikots anziehen und das Spiel anpfeifen. »Die Jungs und Mädchen kicken liebend gerne« so Halbig. Bei jeder Lieferung zeigen die armen Bewohner aus Ghana ihre strahlenden Gesichter. Fotos: Halbig

Jetzt dürfen die Dorfbewohner die Fußbälle aufblasen, die Trikots anziehen und das Spiel anpfeifen. »Die Jungs und Mädchen kicken liebend gerne« so Halbig. Bei jeder Lieferung zeigen die armen Bewohner aus Ghana ihre strahlenden Gesichter. Fotos: Halbig

Lohhof · Was kann ein Sportverein am besten spenden? Bälle! Fußbälle, um es genau zu nehmen. Diese wurden »abgerundet« durch zahlreiche Trikots. Die freudigen Empfänger sind zwei Dörfer in Ghana.

Mafi Dadoboe und Wute heißen sie und sind gute 7.000 Kilometer vom Clubsitz des SV Lohhof entfernt.

Der Verein »friends without borders« sprich »Freunde ohne Grenzen« hat im Februar die gesammelten Spenden des SV Lohhof geliefert. Nach stolzen sechs Wochen Schiffreise erreichte das große Fußballpaket zwei ghanaische Schulen. Den fünf großen Kartons fügten sie noch jede Menge Spielsachen bei, die die Unterschleißheimer Kindergärten Ende letzten Jahres für die Kinder gesammelt hatten. Mit dabei: Petra Halbig, die die Auslieferung kontrolliert. »Die direkte Lieferung in die Ortschaften macht klar, dass unsere Hilfe gezielt und ohne Umwege bei den Menschen ankommt« so die 1. Vorsitzende des gemeinnützigen Vereins, der seinen Sitz in Schleißheim hat.

Schleißheimerin als »Queen of Development«

Das Projekt ist nicht ganz zwei Jahre alt, Halbig bezeichnet es passenderweise als »ihr Baby» das sie großmacht und für das sie sich sehr engagiert. »Ich finde es wichtig, mindestens zweimal im Jahr vor Ort zu sein, um zu sehen, wie es den Dörfern geht.« Die Kommunikationsmöglichkeiten sind nämlich sehr eingeschränkt, da es in den Dörfern außerhalb der Metropol­region Accra oft schlechten Handyempfang oder Stromausfälle gibt, die es alles in allem unmöglich machen, stets über die Entwicklung in den Dörfern informiert zu sein. Und so haben sie die Bewohner bei ihrem letzten Besuch herzlich empfangen. Sie nennen sie liebevoll »Queen of Development« also die »Königin der Entwicklung«

Sie sagt, es sei eine Aufgabe, die sie gefunden, aber dabei gar nicht gesucht habe. Auch die Dorfbewohner glauben an Schicksal, da sie ihre ›Königin‹ »Mama Zifornu, die Erste« umgetauft haben. Auf ihrer Sprache Ewe heißt dies »von unseren Vorfahren entdeckt«. »Die Bewohner glauben also, dass schon zu Zeiten als Ostghana deutsch war unsere Vorfahren sich geeinigt hatten, irgendwann später eine Deutsche hier herzuschicken, die den Dörfern hilft. Und das bin dann wohl ich«, schmuzelt die Schleißheimer Helferin. Somit dürfte das Schicksal eine kleine Rolle für die charitative Aktion gehabt haben.

Alles fing mit der Flüchtlings- »Krise« an. »Es gab einen Punkt, da galt das Thema schon wieder als ›ausgelutscht‹ es hat kaum jemanden mehr interessiert. Dann machte ich mir Gedanken, wie man die massige Abwanderung aus armen Regionen der Welt verhindern könne? Noch bevor sie entsteht! Mein Ziel ist es, die Ursachen an der Wurzel zu packen und zu bekämpfen, indem wir solchen Ländern bessere Perspektiven bieten – nämlich ohne, dass sie ihr Heimatland verlassen müssen.«

Sie hörte schon oft jemanden in den Dörfern: »Weißnase, nimm mich mit in deinen Koffer, ich mach alles in Deutschland!« Doch dann setzt sie sich mit demjenigen unter eine Palme, um miteinander zu sprechen und ihn besser zu verstehen. Denn Helfen heißt Verstehen, so sagt sie. »Helfen heißt vor allem auch Verstehen wollen, zum Beispiel welche Herausforderungen die Person im täglichen Leben hat.«

So hat Halbig gesprcohen, analysiert und versucht mit den unterschiedlichen »Hilfspaketen« präsent zu sein. So auch aktuell, in Kooperation mit dem SV Lohhof, die die Fußball-begeisterten Ghanaer erreicht haben »Das Leben in Ghana, gerade in den armen Dörfern, ist generell sehr anders und folglich auch die Lebensweisen.« Diese stünden laut Halbig in scharfem Gegensatz zur deutschen Mentalität. »Wir wollen zum Beispiel schon fünf Jahre im Voraus planen, in Ghana allerdings werden Situationen zumeist ad hoc entschieden, da in Wirklichkeit zumeist viele Widrigkeiten hinzukommen. Dies kann in der Voltaregion etwa ein plötzlicher Wolkenbruch sein, der sämtliche Straßen überschwemmt. Einige Sachen kann man einfach nicht planen!« Sie erinnert sich dabei an einen Spruch, den sie zuletzt in den Dörfern gehört hat: »Man überquert den Fluss, wenn das Ufer erreicht ist.« Diesen interpretiert sie, indem sie ihn in Ghana selbst erlebt. »Wir können sehr viel von ihnen lernen, so wie sie von uns.«

Afrikas goldenes Land

Was ist Ghana denn genau für ein Land? Ghana ist ein Staat in Westafrika und liegt am Golf von Guinea, der Teil des Atlantiks ist. Mit dem Auto dort hinzufahren, hieße, Wüsten und das Mittelmeer zu überqueren. Wenn alles glatt läuft: gerade mal 101 Stunden Autofahren, Bruttozeit ohne Rastpausen und Grenzkontrollen. Das Land selbst ist ungefähr so groß wie Großbritannien und war in der Neuzeit auch teils ihre Kolonie. Der östliche Teil wurde von Deutschen kolonisiert. »Goldküste« und »Britisch-Togoland« hießen die annektierten Gebiete, die sich 1957 unabhängig gemacht haben. Was aus dieser Zeit unter anderem übrig geblieben ist: das Englisch als Amtssprache.

Heuer hat die für afrikanische Verhältnisse doch eher kleine Republik gut doppelt so viele Einwohner wie Bayern – Accra ist ihre Metropole. 150 Kilometer nördlich davon befinden sich die Dörfer, für die der Sportverein Lohhof gespendet hat. Sie liegen in der Volta-Region, die nach dem berühmten Stausee benannt ist. Dieser ist von seiner Oberfläche her das größte künstliche Gewässer unserer Erde, komplett von Menschenhand geschaffen und durchschnittlich 18 Meter tief.

Dem Fußball wird in Ghana eine große Bedeutung beigemessen. Wie in Deutschland, ist auch er der Nationalsport schlechthin. Die »Black Stars« waren bisher viermal Afrikameister und haben es bereits ins Achtelfinale der Weltmeisterschaft geschafft – und zwar gleich bei ihrem ersten Anlauf. Daher fördert die GFA, die Ghana Football Association, das Kicken von Klein auf. Prominentes Beispiel: Gerald Asamoah. Geboren in Mampong und hierzulande 2001 eingebürgert, wurde er der erste Afrikaner, der in eine DFB-Auswahl berufen wurde. Ein Jahr später verhalf der Stürmer als Teil der Deutschen Nationalelf zu einem stolzen Silberplatz in der WM. Wer weiß, vielleicht erreichen die Fußbälle aus Lohhof weitere Talente, die sich solchen Beispielen anreihen.

Halbig sieht die Zukunft des Landes, das im Gegensatz zu den Nachbarländern in Westafrika relativ stabil ist, optimistisch. »Ich habe schon viele Effekte in den Dörfern gesehen. So ist etwa das Zeitverständnis viel besser geworden. »Mittlerweile sei sie am Beginn eines Treffens nicht mehr ganz alleine, wartend auf die anderen. »Wenn man sich in Deutschland um Punkt neun Uhr trifft, sollte neun Uhr in Ghana nicht erst halb zehn bedeuten.»Auch das Prinzip ›etwas für etwas‹ soll in Ghana umgesetzt werden. Die Bewohner sollen sich bei den Lieferungen auch in einer Weise beteiligen. »Ich möchte natürlich nicht, dass sie einfach nur da sitzen und auf die nächste Lieferung warten. Damit sie sie wirklich wertschätzen, wünsche ich mir, dass sie etwas dafür tun. Wir haben beispielsweise rund 200 gebrauchte und vermessene Brillen eines Unterschleißheimer Optikers ausgeliefert. Die Bedingung dabei: dass ein Optiker dort auch die Augenstärke abmisst und die Brillen dadurch richtig und sinnvoll genutzt werden.

Als wir eine ganze Ladung Spielsachen vorbeibrachten, sollten sie eine Holzkiste bauen, in die die Spielsachen passen sollen. »Bei der aktuellen Lieferung mit den Spenden des SV Lohhof hat der Verein mit den Dörfern vereinbart, dass sie ein kleines Fußballturnier durchführen, bei dem es Geschenke und sogar einen Pokal zu gewinnen geben wird.«

Wenn Petra Halbig auf die bisherige Entwicklung von den Dörfern blickt, in deren Kindergärten noch nicht mal ein Spielzeug zu finden war und nun ganz viele Teddybären, Puppen und nunmehr auch Fußbälle und Trikots mit strahlenden Gesichtern, freut sie sich, ihren »Job« richtig gemacht zu haben. »An dieser Stelle muss ich mich natürlich auch für die zahlreichen Spenden bedanken. Gerade in Schleißheim kennt man sich untereinander.

Wir haben einen guten Zusammenhalt und wurden bisher geradezu überrollt von den Spielsachen.« Über weitere Spenden (www.friends-without-borders.de) freut sie sich natürlich enorm, denn der letzte Besuch wird nicht wirklich der letzte gewesen sein.

Zum Schluss sagt sie: »Das dortige Englisch verstehe ich mittlerweile auch sehr gut, auch wenn es am Anfang etwas gewöhnungsbedürftig war. Allerdings dürften wir mit unserem Bayerischem Dialekt für manchen auch vielleicht ein wenig schwer zu verstehen sein!«
Von Daniel Mielcarek

Artikel vom 04.04.2018
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