Selbstverteidigung – eine sichere Balance finden

München · Es ist eine statistische Tatsache – wo viele Menschen auf engem Raum miteinander leben, steigt naturgemäß die Zahl derer, die nichts Gutes im Schilde führen. In München sind das zwar vergleichsweise wenige – immerhin bekommen wir seit 40 Jahren konstant den Titel „sicherste deutsche Großstadt“ zugesprochen. Aber machen wir uns nichts vor, auch München hat seine Problemzonen – etwa Schwabing-Freimann, Altstadt-Lehel oder Ludwigsvorstadt.

Sich einfach aus solchen Gegenden fernhalten funktioniert schon dann nicht, wenn man dort arbeitet oder wohnt – und natürlich kann auch in jedem anderen Stadtteil jemand versuchen, einem das Handy zu rauben, die Handtasche zu entreißen, mit vorgehaltenem Messer Geld zu verlangen. Genau dann hilft es, entsprechend präpariert zu sein. Welche gesetzeskonformen Optionen es gibt, erklären die folgenden Zeilen.

Grundsätzliches

Selbstverteidigung bedeutet nicht, wie Rambo aufzurüsten und auch nicht, sich nur noch in Angst durch die Stadt zu bewegen. Selbstverteidigung ist ein normales Prinzip der Vorbereitung – keiner würde eine Augenbraue verziehen, wenn man sich, um vor Feuer gewappnet zu sein, einen Feuerlöscher ins Haus hängt. Nach genau dem gleichen Schema funktioniert Selbstverteidigung. Man bereitet sich auf etwas vor, das hoffentlich nie eintrifft – um aber, wenn es doch passiert, nicht wehrlos zu sein.

Die meisten Täter sind darauf aus, schnell das Gewünschte zu bekommen und danach ungesehen zu verschwinden. Aber es ist eben auch eine polizeiliche Tatsache, dass die Gewaltbereitschaft steigt – heute ist man im Zweifelsfall also nicht nur den Geldbeutel los, sondern hat auch schwere Verletzungen. Grundsätzlich ist es deshalb zwar das Beste, einer Konfrontation auszuweichen – doch wenn ein Täter gegen ein „geschütztes Rechtsgut“ wie Besitz oder Gesundheit vorgeht, ist Notwehr angebracht und rechtlich sauber.

Im Klartext bedeutet das, jeder Mensch hat das Recht sich und seinen Besitz zu verteidigen, aber nur in eindeutigen Fällen und nicht, wenn er an der Straßenecke angepöbelt wird. Jede Form der in diesem Artikel noch genannten Selbstverteidigungsmaßnahmen sollte also nur bei einem echten Angriff, Überfall, Raub etc. zur Anwendung kommen – niemals als Drohmittel oder „Meinungsverstärker“.

1. Pfefferspray

Pfeffersprays sind das niedrigschwelligste und ob ihrer Preisgünstigkeit auch das beliebteste Selbstverteidigungsmittel der Deutschen. Seine Wirkung bezieht das, wegen seines Wirkstoffs Oleoresin Capsicum auch mit „OC“ abgekürzte Mittel aus einem Extrakt aus sehr scharfen Gewächsen der Paprika-Familie. Kommen diese in Kontakt mit dem Körper, führt dies zu einem sofortigen Anschwellen der Augen-Schleimhäute, weshalb ein Angreifer die Augen automatisch schließt. Gleichzeitig setzt starker Tränenfluss ein, der jegliches Sehen praktisch unmöglich macht. Zudem brennt die getroffene Haut sehr stark und es kann starker Hustenreiz ausgelöst werden.

Der Vorteil ist, dass dies zum einen nur temporäre Wirkungen sind, die nach Minuten bis Stunden abgeklungen sind und in der Regel keine dauerhaften Schäden hinterlassen. Zum anderen wirkt OC auch bei alkoholisierten oder unter Drogeneinfluss stehenden Tätern.

Wichtig ist, dass sämtliche Pfeffersprays in Deutschland als „Tierabwehrgerät“ deklariert sind – legal dürfen sie nur gegen bissige Hunde etc. eingesetzt werden. In einer Notwehrsituation entfällt jedoch dieses Verbot und das Spray darf auch gegen Menschen verwendet werden.

Eher negativ ist, dass der Markt eine unüberschaubare Anzahl an Pfeffersprays vorhält, die sich vor allem in Größe und Sprühstrahl unterscheiden. Ein „echter“ Strahl ist dabei die beste Lösung, denn er minimiert das Risiko, selbst etwas vom OC abzubekommen. Pfeffer-Nebel lässt sich zwar ungezielter einsetzen, weil der Strahl sich über eine größere Fläche verteilt, birgt aber eben auch das Risiko, vom Wind zurückgeblasen zu werden. Aus diesem Grunde sollte man sich am besten zwei baugleiche Strahl-Sprays kaufen. Eines für die Tasche und eines, um damit zu üben.

2. Pfeffer-Pistolen

Die geringe Reichweite sowie die Wetteranfälligkeit sind vielleicht die Haupt-Kriterien, die gegen Pfeffersprays sprechen. Das wollen Pfeffer-Pistolen ändern. Sie beruhen auf dem gleichen Wirkstoff, funktionieren aber anders. Bei den beiden Marktführern Guardian Angel und dem Jet Protector JPX wird die Pfeffer-Ladung beispielsweise mit einer pyrotechnischen Kartusche ausgestoßen. Damit ist sie nicht nur schneller im Ziel, sondern bleibt auch konzentrierter und hat eine höhere Reichweite, die unabhängig vom Wetter ist.

Der Nachteil beider und ähnlicher Geräte ist freilich, dass sie nur zwei „Schuss“ vorrätig halten – beim Guardian Angel gar ohne Möglichkeit des Nachladens. Aus diesem Grund und weil die Ladung eben nicht wie ein Sprühstrahl im Flug nachkorrigiert werden kann, muss viel mehr trainiert werden – und das kann ins Geld gehen, denn die Geräte kosten ein Vielfaches von Pfeffersprays. Dennoch sind sie ihrer Bauweise sehr effektiv. Zudem – und hier unterscheiden sich die Pfeffer-Pistolen von den Schreckschuss-Waffen – dürfen Jet Protector und Guardian Angel ohne rechtliche Hürden in der Öffentlichkeit getragen werden, da sie qua Gesetz nicht als Waffe gelten.

3. Schreckschuss-Pistolen

Im Handel heißen sie „Gas- und Signalwaffe“. Äußerlich unterscheiden sie sich praktisch nicht von echten Feuerwaffen. Das ist Vor- und Nachteil zugleich. Es beginnt damit, dass Schreckschusswaffen entgegen Pfeffersprays und –pistolen nicht ohne weiteres in der Öffentlichkeit getragen (der Jurist spricht von „Führen“) werden dürfen, sondern dafür eines „kleinen Waffenscheins“ bedürfen. In einer Notlage stehen je nach Modell bis zu 16 oder mehr Schuss einer effektiven OC-Lösung bereit und damit viel mehr als bei sämtlichen genannten Optionen. Ein Vorteil, der aber schon dadurch aufgehoben wird, dass Schreckschuss-Waffen von allen technischen Selbstverteidigungslösungen das meiste Training benötigen, um im Notfall richtig bedient zu werden – auch dabei unterscheiden sie sich nicht von „richtigen“ Waffen – zudem zeigen Erfahrungen rund um den Globus, dass selbst bei „echten“ Waffen in Selbstverteidigungssituationen selten mehr als drei Schuss benötigt werden. Der Rest ist demnach auch bei Schreckschusswaffen überflüssiges Gewicht.

Hinzu kommt, dass die martialische Optik auch erst eine Situation eskalieren lassen kann – wenn ein Krimineller sich von einer echten Waffe bedroht wähnt und deshalb seine eigene – wirklich scharfe – zieht. Aus diesen Gründen sind Schreckschuss-Waffen eher eine suboptimale Lösung.

4. Kampfsport

Jede bisher genannte Selbstverteidigungslösung basierte nur auf einer Stufe – schießen oder eben nicht. Die wichtigsten unterschiedlichen Kampfsportarten bieten im Gegensatz dazu den gewaltigen Vorteil, dass sie nicht nur eine große Bandbreite an abgestuften Eskalationsstufen vom einfachen Wegschubsen bis hin zum kampfunfähig-machen ermöglichen, sondern auch noch in situationsgenauer Dosierung eingesetzt werden können.

Wer von einem Einzeltäter mit Messer bedroht wird, findet hier ebenso passende Lösungen wie beim Auftreten mehrerer Angreifern. All das macht Kampfsport zu einem sehr guten Verteidigungsmittel – wenn man jahrelanges Training absolviert hat. Hier liegt der Knackpunkt – denn eine Selbstverteidigungssituation kann morgen auftreten oder in zehn Jahren – sie wird sich jedoch nicht darum scheren, welchen Karate-Gürtelrang man innehat.

Was allerdings Kampfsportarten nicht ausschließen soll, denn ob ihrer Effektivität und der zusätzlich einhergehenden körperlichen Fitness erlauben sie es auch, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Zudem gibt es in München unzählige Studios für praktisch jede Kampfsportart. Eine Vorgehensweise könnte es sein, temporär noch auf die technischen Lösungen zu setzen und je nach Lernfortschritt sich immer mehr auf seine Kampfkunst zu verlassen.

5. Elektroschocker

In der Theorie sehen Elektroschocker wie die ideale Selbstverteidigungslösung aus. Leicht, kompakt und stoppen jeden Angreifer ungeachtet seiner Kraft. Doch damit enden auch schon die Vorteile. Denn Elektroschocker vertrauen darauf, dass durch einen Stromstoß von mehreren zehntausend Volt ein Angreifer keine Kontrolle mehr über seine Muskelkontraktionen hat, schlicht umkippt und für mehrere Minuten keine koordinierte Bewegung mehr ausüben kann.

Soweit die theoretische Wirkweise – die jedoch einen dicken Haken hat. Das menschliche Herz ist nämlich auch ein Muskel – und in der Vergangenheit gab es unzählige Fälle von Herzversagen nach Elektroschocker-Einsatz. Passiert das bei einer Selbstverteidigungs-Situation, stehen auch Laien schnell als Täter vor Gericht. Kommt hinzu, dass Elektroschocker direkten Körperkontakt haben müssen, weshalb man schon spätestens bei einem messerschwingenden Angreifer in lebensgefährliche Nähe zu diesem gelangen müsste. Distanz-Elektroschocker, die man hierzulande als „Taser“ kennt, sind nämlich in der BRD für Privatleute verboten und aus den genannten Gründen selbst als polizeiliches Einsatzmittel zwischen Dienstpistole und Pfefferspray umstritten.

Deshalb sollte man, auch wenn Elektroschocker ab 18 frei verkäuflich sind und geführt werden dürfen, eher auf andere Mittel setzen, die ein geringeres Risiko mit sich bringen, letal zu wirken.

6. Keine Selbstverteidigung – Messer und Co.

Ob dieser genannten Möglichkeiten fragen sich nicht wenige, warum man sich nicht auch „klassisch“ verteidigen könne. Sei es mit einer „echten“ Schusswaffe, Messern oder Schlagstöcken. Dem gibt es einiges zu entgegnen.

Bei Schusswaffen stehen zwei Dinge entgegen. Erstens das Recht. Um in Deutschland eine Feuerwaffe besitzen und führen zu dürfen, ist ein großer Waffenschein notwendig. Im Gegensatz zum kleinen Waffenschein für Schreckschuss-Waffen gibt es den aber nur für einen extrem begrenzten, exponiert-gefährdeten Personenkreis wie Politiker oder Angestellte von Werttransporen und unter hohen Auflagen wie den Abschluss einer Eine-Million-Euro Haftpflicht. Für Privatleute fast unmöglich zu bekommen. Zweitens bieten Feuerwaffen nur eine Option, die der lebensgefährlichen bis tödlichen Treffer – in einer hektischen Notlage gezielt ins Bein etc. zu schießen, funktioniert nur in Hollywood. Selbst Elite-Polizisten, die jährlich tausende Trainings-Schüsse abgeben, trainieren so etwas nicht.

Auch Messer sind keine Option. Denn zum einen erlaubt das deutsche Waffenrecht nur das Führen von feststehenden Messern mit einer Klingenlänge von maximal zwölf Zentimetern. Und andererseits ist ein Messer eine Waffe, die ein Höchstmaß an Training und Übung erfordert, um nicht zur Gefahr für den eigenen Besitzer zu werden und selbst dann besteht noch das Risiko, im Ernstfall zu überreagieren und vom Opfer zum Täter zu werden – abgesehen davon, dass auch die Klinge zu dichten Körperkontakt erfordert, den man mit einem Angreifer niemals eingehen sollte.

Teleskopschlagstöcke fallen aus gleichem Grund durchs Raster, denn auch für ihren Einsatz muss man herankommen. Aber selbst das ist nur eine theoretische Hürde. Denn praktisch darf man diese metallenen Schlagstöcke in Deutschland zwar besitzen, aber nicht in der Öffentlichkeit führen – ihre Verwendung ist auf die eigene Wohnung beschränkt. Kommt hinzu, dass auch damit schnell der Punkt erreicht ist, an dem aus Notwehr ein Notwehrexzess wird – trifft man mit einem Teleskopschlagstock, brechen schnell selbst dicke Knochen. Polizisten führen die Stöcke zwar, aber im Gegensatz zu Otto Normalverbraucher sind die Beamten für den Umgang geschult.

Fazit

Es ist nichts Verwerfliches daran, sich auf Selbstverteidigung ebenso vorzubereiten wie auf Feuer – bloß sollte auch hier die Verhältnismäßigkeit gewahrt werden. Natürlich könnte man mit drei Schreckschuss-Pistolen plus Elektroschocker am Mann das Haus verlassen – das wäre aber in etwa so, als würde man sich auf ein Küchenfeuer durch den Kauf eines Löschfahrzeugs vorbereiten. Die vielleicht optimale Lösung ist eine Pfefferpistole in Verbindung mit einem grundständigen Kampfsport-Training, in dem man erlernt, Angreifer effektiv auf Distanz zu halten – und die Tatsache, dass kein Münchner Stadtteil im Entferntesten der Bronx oder Detroit ähnelt.

Artikel vom 09.01.2017
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