Große Herausforderung

Die aktuelle Flüchtlingssituation im Landkreis Ebersberg

Eine Option für den Landkreis: Traglufthallen dienen als Erstaufnahmestelle für bis zu 300 Asylbewerber. 	Foto: Paranet-Deutschland GmbH

Eine Option für den Landkreis: Traglufthallen dienen als Erstaufnahmestelle für bis zu 300 Asylbewerber. Foto: Paranet-Deutschland GmbH

Ebersberg · Kein anderes Thema beschäftigt und bewegt die Deutschen momentan so sehr wie die Flüchtlingsproblematik. Nahezu jeden Tag erreichen uns über die Medien neue Schreckensmeldungen aus dem Mittelmeer, Bilder von überfüllten Bahnhöfen und Erstaufnahmestationen.

Und ein Ende des Flüchtlingsstroms nach Deutschland und Europa ist nicht in Sicht. Insbesondere Bayern hat mit einer besonders großen Anzahl an Flüchtlingszugängen zu kämpfen, da durch den Freistaat gleich zwei große internationale Fluchtrouten führen. Eine enorme logistische Herausforderung, für Kommunen, Behörden und die Bundespolizei. Denn erst nachdem alle Asylbewerber aufgenommen, erstregistriert und einem Erstscreening unterzogen wurden, können diese auf die anderen Bundesländer nach dem so genannten »Königsteiner Schlüssel« verteilt werden.

Die konkreten Zahlen sprechen Ihre eigene Sprache: Allein in München sind seit Jahresbeginn bereits 60.000 Flüchtlinge angekommen. Nach Angaben des Ebersberger Landratsamtes sind gegenwärtig (Stand 17. August) 815 Asylbewerber, darunter 66 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge im Landkreis Ebersberg untergebracht. Tendenz steigend. »Pro Woche werden uns durch die Regierung von Oberbayern derzeit 30 Personen zwangszugewiesen.

Das heißt, wir sind weiterhin darauf angewiesen, dass die Städte, Märkte und Gemeinden und Häuser, Wohnungen und eben auch Grundstücke melden, die wir pachten und anmieten können«, sagt Landrat Robert Niedergesäß zur gegenwärtigen Unterbringungssituation im Landkreis. In Taufkirchen und Neubiberg wurden diesen Sommer Traglufthallen mit Platz für bis zu 300 Asylbewerber als Notunterkünfte fertig gestellt. Auch eine Option für den Landkreis Ebersberg? Für den Landrat wohl eine Frage der Zeit: »Containerstandorte und Traglufthallen werden künftig unsere Ortsbilder prägen, wenn sich die Zugangszahlen so drastisch weiterentwickeln werden«. Im Herbst soll die Errichtung einer größeren Unterkunft für etwa 100 Asylbewerber in Vaterstetten etwas Entlastung bringen. Ferner stellte Vaterstetten vor kurzem ein gemeindliches Grundstück für weitere 60 Flüchtlinge zur Verfügung.

Aber: Gemeinden und gerade auch die Helferkreise seien mittlerweile »arg strapaziert«, betont der Landrat. In einem am Montag, 17. August, von MdL Thomas Huber und Robert Niedergesäß veröffentlichten Brandbrief an Bundeskanzlerin Angela Merkel wird davor gewarnt, dass bereits »die Grenzen« der Aufnahmefähigkeiten« und der »Unterbringungsmöglichkeiten« im Landkreis erreicht sei: »Ein weiteres Jahr wie dieses werden der Freistaat und seine Kommunen, die Behörden und letztlich unsere Bürgerinnen und Bürger nicht schaffen können, ohne dass dies auch zu tiefgreifenden gesellschaftlichen Problemen führen könnte«, wird gewarnt.

So wird in dem Schreiben ein Maßnahmenpaket gefordert, welches unter anderem eine Beschleunigung der Asylverfahren, ein Zurückgreifen auf Liegenschaften des Bundes für die Flüchtlingsunterbringung, sowie eine gerechtere EU-weite Verteilung der Asylbewerber postuliert.

Die Perspektive jenseits »der großen Politik

Doch wer genau sind die Menschen die aus aller Welt zu uns kommen? Kaum jemand kann diese Frage besser beantworten als jene, die einen täglichen Umgang mit den Flüchtlingen pflegen. Einer dieser Personen ist Manfred Kugler, aktives Mitglied beim Helferkreis Ebersberg. Als Leiter des Arbeitskreises Sport und durch die Übernahme einer Sprachpatenschaft pflegt er bereits seit längerer Zeit intensiven Kontakt mit den Bewohnern der Seerose. Er sieht die Begegnungen mit den Asylbewerbern auch als einen persönlichen Erfahrungs- und Bereicherungsprozess. »In meiner Vorstellung dachte ich, dass aufgrund des gemeinsamen Fluchtschicksals eine größere Verbindung zwischen den Flüchtlingen besteht, doch dies scheint sich eher nicht zu bestätigen, da jeder für sich schaut, hier zurecht zu kommen. So lerne ich jeden Tag und bin darauf angewiesen, meinen Verstehensprozess von Mal zu Mal neu zu justieren.«

Von »den« Flüchtlingen zu sprechen sei ohnehin schwierig, da nahezu jeder eine unterschiedliche Vita, und ebenso unterschiedliche Interessen und Einstellungen hat. »Es gibt auch junge Männer, die unzuverlässig sind, sich nicht an Absprachen halten, nicht den Anschein machen, als wollten sie arbeiten usw. Andere wiederum sind sehr engagiert, zeigen sich und machen deutlich, dass sie alles einsetzen wollen, um hier zu bleiben und sich zu integrieren«, so Kugler.

Die Gesellschaft ist gefragt

Vor der Perspektive der steigenden Flüchtlingszahlen rät Kugler die aufkommenden Ängste und Befürchtungen der Bürger mit dieser neuen Situation »ernst zu nehmen«. Dabei sei schon sehr geholfen, selber den ersten Schritt zu tun und »eigene Erfahrungen« mit den Flüchtlingen zu machen: »Beim täglichen Einkauf, bei Veranstaltungen wie dem Sommernachtsfest oder dem Stadtlauf sind zunehmend Asylsuchende anwesend und gehören wie selbstverständlich dazu. Begegnungen sowie Gespräche ganz nebenbei bewirken, dass ein Kennenlernen stattfinden kann und dass ein vorsichtiges aufeinander zugehen geschieht.«

Der gesamte Beitrag von Manfred Kugler kann auf der Internetseite des Helferkreises unter helferkreis.jimdo.com/infos-veranstaltungen-gedanken/erfahrungen-und-gedanken-der-helfer/ abgerufen werden. sd

Artikel vom 19.08.2015
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