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Aktuelles - 24.08.2010
Wochenanzeiger München: Landkreis-Anzeiger

Poing · Der Falken-Flüsterer

Der Poinger Rudolf Maier ist eine Institution im Wildpark

Poing · Man wird Zeuge einer intimen Szene: Beim Streicheln des Brustgefieders sind ein paar Daunenfederchen in Unordnung geraten. Rudolf Maier streicht der Wanderfalkendame Chiara also noch einmal zärtlich übers Gefieder und bringt alles wieder sorgfältig in Ordnung. Und Chiara genießt den Körperkontakt mit ihrem Falkner offensichtlich.

Da die Vögel auf ihren Falkner fixiert sind, ist Urlaub machen nicht drin: Rudolf Maier mit dem Wanderfalken Chiara. Foto: gh




Die zwei verbindet eine besondere Geschichte. Sie war schon einmal in seiner Obhut und wurde dann bei einem anderen Besitzer elf Jahre in der Zucht eingesetzt. Als sie dafür zu alt war, holte Maier sie zurück und Chiara verblüffte ihn: nach so langer Zeit war sie weder nervös noch unruhig, sondern fühlte sich sofort wieder zuhause, als wäre sie nie weggewesen: »Obwohl ich schon so lange mit Greifvögeln arbeite, lerne ich immer wieder Neues hinzu.«

Seit 18 Jahren arbeitet der gebürtige Allgäuer im Wildpark. Jahrelang pendelte er halbjährlich zwischen seiner Heimat und Poing. Seit sieben Jahren lebt der 45-Jährige aber nun schon mit Frau und 12-jähriger Tochter in Alt-Poing. Da die Greifvögel eine beinahe symbiotische Beziehung zu ihrem Falkner haben, sind große Urlaubsreisen nicht drin: »Meistens fahren wir lediglich ein paar Tage in der Weihnachtszeit zur Familie ins Allgäu«, so Maier.

Wer seine Greifvogelschau öfter als einmal gesehen hat, meint, sie zum ersten Mal zu genießen. Jedesmal ist Maier mit einer Leidenschaft bei der Sache, dass man sich fragt, was diesen Mann antreibt. Zweimal jeden Tag (um 11 und um 15 Uhr) von Mitte März bis Mitte November zeigt er seine Greifvögel: die sibirischen Uhus Baba und Bubu, die Weißkopfseeadler Sam und Noah, den Sakerfalken Tolkien, den Geier Willi und die Schleiereulen-Schönheit Disco. Besonders in der Hochsaison sind die Vorführungen gut besucht. Hunderte von Besuchern, die Hälfte davon Kinder, gilt es mit Fingerspitzengefühl immer wieder darauf hinzuweisen, dass sie sitzen bleiben und die Wege freihalten müssen. »Manche Besucher stört das, aber die Sicherheit geht einfach vor«, so Maier.

Es ist ihm offensichtlich ein Anliegen, dass die Besucher, vor allem die Kinder, etwas von der Vorführung mit nach Hause nehmen. Er erklärt die unterschiedlichen Verhaltensweisen, die Erkennungsmerkmale. Am Ende fragt er das gelernte Wissen sogar ab: Ist der Falke ein Griff- oder Bisstöter (Bisstöter), wie fliegt der Uhu (lautlos), sind die Falkenschwingen rund oder spitzig (spitzig), wie sichert der Adler seine Beute (mit den Krallen). Die Kinder machen immer eifrig mit, denn zur Belohnung gibt es eine schöne Greifvogelfeder.Besonders wichtig ist ihm, deutlich zu machen, dass die Vögel nur deshalb bei ihm bleiben, weil sie selbst das so wollen. »Jeder hat die Freiheit wegzufliegen und nicht wiederzukommen.«, meint Maier. Warum bleiben sie dann? »Sie müssen sich wohlfühlen. Dazu gehört, dass sie fliegen dürfen, sich sicher fühlen, zu fressen bekommen.« Bei jeder Aktion in der Vorführung und bei der täglichen Arbeit ist die Belohnung wichtig: ein Stückchen Hühner-, Rind- oder Wildfleisch.

Manchmal gestalten die Vögel aber auch ihr eigenes Programm. Dann lässt sich der Steinadler von der Thermik in immer weiteren Kreisen nach oben treiben, genießt eine halbe Stunde seine Vogelfreiheit und kehrt erst lange nach Ende der Vorführung zurück. Rudolf Maier: »Vor zehn Jahren, es war ein Sonntag, habe ich einmal einen Falken verloren. Am ersten Tag war er in Markt Schwaben, am vierten schon in Kufstein und ist dann ab über die Berge. Mir war wichtig zu wissen, dass er fit ist und das packt.«

Um seine Arbeit auszuüben musste Maier eine Jäger- und eine Falknerprüfung absolvieren. »Falkner ist kein Lehrberuf, sondern gilt als Hobby.« Er geht auch hin und wieder auf die Beizjagd. So nennt man die von Falken unterstützte Jagd auf Kleinwild, etwa Enten oder Fasane. Am meisten Freude bereitet ihm aber anscheinend, den Greifvögeln das Fliegen beizubringen. Wie das geht? »Man muss sie immer wieder rausnehmen und bei kleinen Erfolgen unbedingt belohnen.« Auf diese Weise hat er den fluguntüchtigen Sam, im Laufe der Zeit zu einem Star der Vorführung gemacht. Der junge Kollege Noah ist gerade dabei, es diesem gleich zu tun. Und auch eines kranken Mäusebussards hat der Falkner sich angenommen. Aber Willi ist ein Sonderfall. Den verwahrlosten und unglücklichen Geier hat Maier gekauft, »weil ich euch auch einen Geier zeigen wollte«. Aber: Willi ist auf dem linken Auge blind, das rechte hat nur halbe Sehstärke. Das schwere Tier war unfähig, auch nur auf einen kleinen Baumstamm zu hüpfen. Inzwischen fliegt er zwischen den Zuschauerreihen von Baumstamm zu Baumstamm und genießt seine Fähigkeiten. Doch Willi ist kein unproblematischer Schüler; bei einer der letzten Vorführungen hat er Maier ziemlich in den Finger gezwickt. Der ist voller Verständnis: »Seine Behinderung macht ihn unsicher und deshalb manchmal aggressiv.«

Und dann gibt es da noch zwei, die kichern gerne mit ihrem Fluglehrer. Das Duo Baba und Bubu, sibirische Uhus, lassen sich gerne von Maier kitzeln, präsentieren auf Aufforderung ihre beeindruckenden Schwingen, winken ins Publikum und plaudern sogar mit ihm. Falkner mag in Deutschland kein richtiger Beruf sein – für Rudolf Maier ist die Falknerei mehr: Berufung.

Gabriele Heigl



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