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Aktuelles - Artikel vom 21.07.2010

München · „Fast totgeprügelt"

Antigewalttraining für straffällige Jugendliche

München · Simon (20, Name geändert) hat einen Menschen fast tot geschlagen, Thomas (23, Name geändert) ein Auto demoliert. Unter anderen Umständen, sagt Thomas, hätte vielleicht auch er jemanden verprügelt. Die beiden jungen Männer sind für ihre Taten rechtskräftig verurteilt worden.

Ali Cukur, Abteilungsleiter „Boxen“ beim TSV 1860 München, trainiert beim „Antigewalttraining“ straffällig gewordene Jugendliche. Foto. Ko

Statt Gefängnis müssen sie nun als gerichtliche Auflage am „Antigewalttraining“ (AGT) des Vereins „Brücke Oberland“ teilnehmen. Der Verein arbeitet bei mehreren Projekten eng mit Boxtrainer Ali Cukur vom TSV 1860 München zusammen.

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Ein Riss im Schädel, Hirnblutung, Jochbeinbruch, Kieferbruch, mehrere Zähne ausgeschlagen – und damit endet die Liste der Verletzungen noch nicht, die Simon und ein Kumpel ihrem Opfer zugefügt haben. Im Zug sind die beiden über den Mann hergefallen, der sie beleidigt habe, verbal und mit ausgestrecktem Mittelfinger. Die brutale Tat scheint unwirklich an diesem warmen Julitag im idyllischen Kochel am See, wo das Training ausnahmsweise im Fitnesscenter „Fitness Insel“ beim Kochler „Trimini“ stattfindet. Inhaber Georg Bäuerle hat unentgeltlich seine Räume zur Verfügung gestellt, weil beim TSV 1860 in München alle Übungsräume belegt waren. Simon schildert seine Tat, die ihm, wäre er nicht nach Jugendstrafrecht verurteilt worden, beinahe eine Mordanklage eingebracht hätte, jetzt recht gelassen. Dabei ist ihm wohl bewusst, was er angerichtet hat. Bei der verheerenden Prügelattacke ist bei ihm anscheinend ein Damm gebrochen, der die ungezügelte Gewalt frei gesetzt hat. Er habe damals einfach Rot gesehen, sagt er, „als hätte jemand in meinem Gehirn einen Schalter umgelegt.“ Mit Worten hat er sich nicht mehr zu helfen gewusst und stattdessen immer und immer wieder zugeschlagen. Diplom-Sozialpädagoge Oliver Hoffmann von „Brücke Oberland“ kennt diesen Kontrollverlust. Beim Boxtraining mit Ali Cukur ist laut Hoffmann der umgelegte Schalter bei den Jugendlichen sogar sichtbar. Sie würden in den Ring steigen, die Fäuste hoch nehmen, dann lege sich ein Visier der Gewaltbereitschaft über das Gesicht „und sie schlagen zu wie ein Hufschmied“. Die Jugendlichen kommen meist aus Familien, in denen Prügeleien an der Tagesordnung sind. Sie hätten nie etwas anderes gelernt, als dass sie vor allem schnell und heftig zuschlagen müssten, erzählt Hoffmann. Bei so manchem dieser von Gewalt geprägten Schicksale treibe es ihm schier „die Tränen in die Augen“. Beim Boxtraining wird das blinde Draufschlagen der Jugendlichen gedreht. Denn wer diesen Sport erfolgreich ausüben wolle, müsse ja genau die Kontrolle behalten, erklärt der Sozialpädagoge. „Boxen erfordert enorme Körperbeherrschung, die Jugendlichen merken ganz schnell, dass sie einstecken müssen, wenn sie unbeherrscht sind.“ Hoffmann und Trainer Cukur verlangen von ihren Schützlingen beim Boxen außerdem 60 Prozent Defensive, also reine Verteidigung statt Angriff, und Spaß beim Sport. Zusätzlich führen sowohl Hoffmann als auch Ali Cukur ein strenges Regiment, was Einhalten von Regeln und Benehmen angeht. Den ersten Rüffel von Hoffmann haben Simon und Thomas schon einstecken müssen, weil sie zum Training in Kochel 15 Minuten zu spät gekommen sind. Passiert das öfter, fliegen sie. Und wandern auf direktem Weg in den Bau, wo sie dann ihre Haftstrafe absitzen müssen. Ali Cukur sorgt auch dafür, dass sich „seine Jungs“ ordentlich benehmen. „Randale vor, während und nach dem Training gibt es bei mir nicht.“ Im U-Bahnhof etwa auf den Boden spucken, eventuell noch im Sechzger-Trikot, was dann auch noch den Verein in Misskredit bringe, ist tabu. „Bei uns lernen die Jungs Regeln und Disziplin.“

Das Antigewalttraining geht über drei Monate. Neben dem Boxen werden die Jugendlichen auch psychisch betreut. Laut Oliver Hoffmann sinkt das aggressive Verhalten der am Antigewalttraining beteiligten Jugendlichen bei bis zu 70 Prozent der Teilnehmer. Gemessen wird das anhand der Antworten eines psychologischen Fragebogens, den die Teilnehmer zu Beginn und am Ende der dreimonatigen Projektdauer ausfüllen müssen. „Im Schnitt sinkt während des Trainings die Bereitschaft zur Aggressivität“, lautet Hoffmanns Fazit. Allerdings könne es durchaus sein, dass bei den restlichen 30 Prozent die Bereitschaft zur Gewalt auch zunehme. Andere Zahlen stehen dem Sozialpädagogen nicht zur Verfügung. Die hätten nur die Gerichte – und da heranzukommen, sei schwierig. Der „Fall Mehmet“ hat Cukur und Verantwortliche der „Brücke“ vor zirka 13 Jahren zusammengebracht. Der junge Türke, der aus Datenschutzgründen das Pseudonym „Mehmet“ bekommen hatte, hatte Ende der 1990er Jahre für öffentliche Diskussionen zum Thema Jugend- und Ausländerkriminalität gesorgt. Bis zum Alter von 14 Jahren hatte er bereits mehr als 60 Straftaten begangen und wurde daraufhin in die Türkei abgeschoben. Er bekam Hilfe von Ali Cukur und Oliver Hoffmann. Zunächst habe man „Mehmets“ Abschiebung damals auch verhindern können, erzählt Cukur. Nachdem „Mehmet“ jedoch rückfällig geworden sei, musste er dennoch in die Türkei. „Mehmets“ Schicksal gab den Anstoß für die Zusammenarbeit der „Brücke“, die es seit 1984 gibt, und der Boxabteilung des TSV 1860. Der Kooperation auf die Sprünge geholfen hat 1998 außerdem noch der Münchner Ausländerbeirat Cumali Naz. Bis heute ist bei Ali Cukur jeder Boxanwärter gern gesehen. „Ich habe keine Vorurteile, auch wenn jemand mit dem Gesetz in Konflikt geraten ist.“ Straffällig oder nicht – spätestens beim ersten Training unter Cukurs Obhut muss sich trotzdem jeder an die Regeln halten.

Von Kirsten Ossoinig





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